Ammenmärchen: Die Angst vor dem verwöhnten Kind

Die Attachment-Parenting-Kolumne

gemeinsam glücklich / 19. Mai 2017

Die dampfende Tasse Kaffee, am Samstagmorgen ans Bett gebracht. Die wohltuende Massage. Das frisch gekochte Abendessen nach einem langen Arbeitstag. All das sind Dinge, mit denen wir Erwachsenen einander gut tun. Weil wir uns lieben, und weil wir wissen: Worte allein reichen nicht aus, um sich verbunden zu fühlen. Zuneigung, die muss man spüren.

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Die Kolumnistin:

Nora Imlau (34) ist Fachbuchautorin (z. B. „Das Geheimnis zufriedener Babys“, Gräfe & Unzer), Mutter von drei Kindern und Vertreterin des Attachment Parenting – der bindungsorientierten Erziehung. 
www.nora-imlau.de

Genauso geht es auch unseren Babys. Die Liebe, die sie zum Wachsen brauchen, fühlen sie vor allem, wenn wir im Alltag liebevoll mit ihnen umgehen: wenn das Baby Hunger hat und Milch bekommt. Wenn es müde ist und in den Schlaf begleitet wird. Wenn es im Tragetuch getragen wird und dabei den Schlag eines vertrauten Herzens hört. Wenn wir es auch einfach mal in Ruhe lassen und es nur beobachten. Kurz: Wenn wir feinfühlig darauf achten, was es gerade braucht, und seine Bedürfnisse prompt und angemessen erfüllen.

Buchtipp:

„Das Geheimnis zufriedener Babys“ (GU, 19,99 Euro)
www.gu.de

Geborgenheit und Freiraum

Können es Mütter und Väter damit auch übertreiben? Ist es möglich, ein Baby so zu verhätscheln, dass irgendwann ein verwöhntes Gör vor einem steht, das erwartet, dass sich die Welt nur um seine Wünsche dreht, weil es ja von klein auf nichts anderes kennt? Viele Menschen warnen junge Eltern genau davor.

Doch: Aus dem Blickwinkel der Evolution ist die Theorie vom verwöhnten Baby nicht zu halten. Denn wenn Liebe und Fürsorge Menschenbabys tatsächlich in ihrer Entwicklung schaden könnten, hätten unsere Vorfahren nicht überlebt – sie wurden schließlich Tag und Nacht am Körper getragen, schliefen in ihrer gesamten Kindheit nie allein und tranken viele Jahre lang ganz selbstverständlich an Mamas Brust. Selbstständig mussten sie trotzdem werden, die Welt unserer Vorfahren war schließlich alles andere als ungefährlich. Die Natur hat ihnen deshalb einen hoch effektiven Schutz vor lebenslanger Unselbstständigkeit mitgegeben: die Autonomiephase, in der Kinder mit zwei bis drei Jahren mit aller Macht selbstständig werden wollen und uns damit manchmal schier in den Wahnsinn treiben. Unselbstständig bleiben Kinder, wenn wir diesen Drang zum Selbermachen ausbremsen – nicht, wenn wir ihnen als Babys Geborgenheit schenken.

Höchste Zeit, die unselige Angst vor dem verwöhnten kleinen Tyrannen in die Mottenkiste zu verbannen und uns daran zu erinnern, dass Verwöhnen etwas Wunderschönes bedeutet. Nämlich: einem anderen etwas Gutes zu tun. Eine Tasse Kaffee ans Bett für uns Große. Und eine kuschelige Milchmahlzeit im Bett für das Kleine. So geht Verwöhnen für Fortgeschrittene – garantiert ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Das Thema der nächsten Kolumne:

Hauptsache raus? Warum es nicht egal ist, wie ein Kind geboren wird.

Lesetipp:

Hintergründe zu Attachment Parenting im Online-Special: babywelt-webmagazin.de/ap