Der Baukasten des Lebens

Eine Frage der Gene?

Sascha Otto / alles wissen / 19. Mai 2017

Bestimmt die DNA, ob ein Kind grüne oder blaue Augen bekommt, ob es still oder laut ist? Nicht nur. Die kindliche Entwicklung beeinflussen viele Faktoren – auch die Eltern.

Vorheriger ArtikelEditorial
Nächster ArtikelThailand

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Oder?

„Er sieht aus wie sein Vater!“ Stolz beugt sich die Oma über das Neugeborene und strahlt. Die Eltern nicken zufrieden. Eine ganz typische Situation. Besonders direkt nach der Geburt ist die Suche nach sogenannten
Familienähnlichkeiten groß. Es gibt jedoch die wissenschaftliche Theorie, dass uns der Kopf und die Hormone hier einen Streich spielen. Während die Mutter meist schon während der Schwangerschaft eine enge Bindung zum Kind aufbauen kann, suchen Väter nach der Geburt meist automatisch nach gemeinsamen Merkmalen. Und da auch Mütter sich wünschen, dass die Bindung zwischen Vater und Kind von Anfang an eine starke ist, sehen auch sie die Ähnlichkeit. Die Frage, die sich die Wissenschaft stellt, ist: Handelt es sich hier um einen ausgeklügelten Mechanismus der Natur, um die elterliche Bindung zum Kind zu fördern?
Oder liegt es daran, dass wir die Mitglieder unserer Familie – etwa ihre Mimik und besondere Eigenheit – ganz genau kennen und diese Ähnlichkeiten ausmachen? Denn, und so lautet die zweite und wahrscheinlichere Theorie: Es gibt tatsächlich sehr häufig große Ähnlichkeiten zwischen den Familienmitgliedern. Aber diese sind nur in bestimmten Lebensabschnitten zu erkennen. So kann ein Baby seinem Vater ähnlich sehen und mit Mitte 30 seinem Großvater mütterlicherseits, als dieser in dem gleichen Alter war.

Halb Mama, halb Papa? Denkste!

Wie schön ist die Vorstellung, dass jedes Kind die perfekte Mischung aus Mama und Papa ist. Sozusagen halb und halb. Schon die Zahlen zeigen, dass die Natur hier andere Pläne hat. Natürlich steckt ganz viel von den Eltern – weitergegeben durch Chromosomen und Gene – im neuen Erdenbürger. Doch der Vorgang ist weitaus komplexer. Je 23 Chromosome bekommt jeder Mensch von seinem Vater und von seiner Mutter mit auf den Weg – macht 46 an der Zahl. Wenn Ei- und Samenzelle verschmelzen, gehen die Chromosomen von Vater und Mutter eine Verbindung ein. Der Clou ist: Die Gene – Forscher schätzen, dass jeder Mensch zwischen 70.000 und 100.000 Erbfaktoren besitzt, die über die Chromosomen transportiert werden – vermischen sich nach dem Zufallsprinzip. Das ergibt eine schier unvorstellbare Zahl von Kombinationsmöglichkeiten! Das heißt, es können nie zwei genetisch identische Menschen entstehen – es sei denn, es sind eineiige Zwillinge. Jedes Kind ist individuell und besitzt seinen ganz eigenen Bauplan. Und das ist noch nicht alles: In der Lostrommel befindet sich das Erbmaterial aller Generationen von Vater und Mutter. So ist es auch zu erklären, dass Erbinformationen eine Generation überspringen können. Und das wiederum erklärt auch die generationenübergreifenden Familienähnlichkeiten, etwa dass ein Kind nicht die blauen Augen der Eltern, sondern die grünen Augen der Großmutter erbt.

Was ist angeboren ...

Die menschlichen Gene sind wie ein individueller Konstruktionsplan. Sie legen zum Beispiel fest, wie groß ein Mensch wird, ob er lockiges oder glattes Haar hat und sie bestimmen die Augenfarbe und Blutgruppe. Neben den körperlichen Voraussetzungen legen sie aber auch Eigenschaften wie Begabung und Temperament in die Wiege. Und zum Beispiel auch, ob ein Mensch eher zu introvertiertem oder zu extrovertiertem Verhalten neigt.

All diese Faktoren sind angeboren – aber das heißt nicht, dass der Mensch ein Sklave seiner genetischen Veranlagung ist. Vielmehr geben die Gene einen Rahmen vor, in dem die Entwicklung verlaufen kann. Manche Potenziale werden im Verlauf eines Lebens voll ausgeschöpft. Andere werden vielleicht nie abgerufen. Die Forschung geht sogar davon aus, dass nur 10 Prozent der vorhandenen Gene im Verlauf des Lebens „in Gebrauch“ sind. Alle ungenutzten Potenziale dienen nur dazu, sich der Umwelt stets ideal anpassen zu können. Und natürlich, um beim nächsten Vererbungsvorgang wieder zur Verfügung zu stehen.

Mama ist ...

... ein Meisterin an der Gitarre. Schon im Kleinkindalter möchte auch das Töchterchen am liebsten in die Saiten greifen. Hat Mama ihr Talent vielleicht an sie vererbt? Möglich ist das, aber: Jede angeborene Begabung nützt nichts, wenn sie nicht entdeckt und gefördert wird. Auf der anderen Seite können aber auch Kinder, die dieses Naturtalent nicht besitzen, mit Fleiß und viel Übung eine Fähigkeit erlernen, die sie am Ende genauso gut beherrschen wie ein talentiertes Kind.

Papa hat ...

... das allerschönste Lächeln. Und tatsächlich steht der Sohnemann ihm in nichts nach und wickelt schon als Baby alle um den Finger. Ein Zufall? Nein: Israelische Forscher haben herausgefunden, dass das Spiel der Gesichtsmuskeln genetisch veranlagt ist. Dazu hat man das Minenspiel von Blinden mit dem ihrer Verwandten verglichen. Und siehe da: Die Mimik zeigte signifikante Gemeinsamkeiten auf.

... und was lernen Kinder von ihren Eltern?

Die Hirnforschung zeigt inzwischen, wie stark die Verschaltungen der Synapsen im Gehirn von den frühen Erfahrungen eines Babys beeinflusst werden. Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit sind für die Entwicklung daher genauso entscheidend wie die Erbanlagen. Die Rolle der Eltern ist also vom Tag der Geburt an eine besonders wichtige. Ihr kleiner Weltentdecker schaut zu Ihnen auf. Und das ist auch gut so: Eine starke Bindung und die innige Beziehung zu Ihnen gibt den Kleinen Halt und Orientierung. Ihre Erziehung ist wie ein Kompass, der Ihrem Kind dabei hilft, ein eigenes Wertesystem aufzubauen, an dem sich sein Handeln orientieren kann. Wie unterschiedlich die Entwicklung dennoch verlaufen kann, sieht man bei Geschwistern. Obwohl diese gemeinsam aufwachsen und die gleiche Erziehung erfahren, können sich zwei völlig verschiedene Charaktere entwickeln. Das liegt vor allem daran, dass die Kinder neben der Familie auch von anderen Menschen – etwa Erzieherinnen, Lehrern und Freunden – beeinflusst werden.

Und noch etwas spielt eine wesentliche Rolle: Jeder Mensch erlebt seine Umwelt ganz individuell. Das zeigen auch die Erinnerungen, die jeder an seine Kindheit hat: Bestimmte Momente und Situationen haben sich tief im Unterbewusstsein verankert. Diese positiven und negativen Schlüsselerfahrungen geben der persönlichen Entwicklung eine Richtung und prägen den Menschen. Machen ihn zum Beispiel zurückhaltender oder risikofreudiger.

Der Entwicklung den Stempel aufdrücken

Bis aus Ihrem Liebling eine gestandene Persönlichkeit wird, ist es ein weiter Weg. Und nicht selten werden Sie sich selbst in Ihrem Kind – im Guten wie im Schlechten – wiederentdecken. Kein Wunder: So mancher Wesens- und Charakterzug von Mama und Papa hat in der Lotterie der Gene sicher das Rennen gemacht. Und natürlich drücken Sie mit Ihrem Erziehungsstil der Entwicklung einen ganz persönlichen Stempel auf.
Die Forschung hat das Rätsel der menschlichen Gene noch nicht endgültig gelöst. Viele Fragen sind offen. Sicher ist nur, dass sich Gene, Erziehung und Umwelt bei der Entwicklung der Persönlichkeit wechselseitig beeinflussen. Auch wenn die Gene einen Weg vorzeichnen: Sie können sicher sein, dass Ihr Kind Sie jeden Tag aufs Neue überraschen und seine Entwicklung Sie mit Stolz erfüllen wird. Und es gibt nichts Schöneres, als zu erleben, wie sich das Wesen und die Charakterzüge des Nachwuchses herausbilden und sich zeigt, dass Ihre Erziehung und Bindung zum Kind Früchte tragen.

Krümel entdeckt seit 22 Monaten die Welt.

Krümel hat das Wort – Thema: Gene

Meine Erbsen esse ich nicht

Also zum Beispiel Gemüse. Frisches, gekochtes, in Streifen, püriert, entsaftet, frittiert. Mag ich nicht. Interessiert mich einfach nicht. Obst im Prinzip auch nicht. Äpfel sind okay, Erdbeeren im Sommer, Mandarinen im Winter. Aber der ganze Rest: Ess ich nicht, rühr ich nicht an. Das ist schon immer so. Ich mag am liebsten Nudeln mit nichts. Reicht doch, oder? Dieses ganze übrige bunte Zeug, das bei Mama und meinen Geschwistern immer so auf den Tellern rumfliegt, find ich ganz schlimm.

Papa und ich sind gleich

Und da bin ich nicht allein. „Du und dein Papa, ihr seid wirklich ein paar Erbsenpicker“, sagt Mama immer. Und das versteh ich nicht, denn Erbsen ess ich ja überhaupt nie. Aber Papa antwortet dann: „Jeder Jeck ist anders und du und ich sind eben ganz spezielle Jecken, stimmt’s?“ und dann sieht er mich immer an und grinst und ich grinse zurück. Genau. Papa und ich im Kampf gegen das Gemüse.

Fotos: Sombats/ iStock/Getty Images Plus/gettyimages, Andy445/E+/gettyimages, laflor/iStock/Getty Images Plus/gettyimages, Marc Romanelli/Blend Images/gettyimages, Morsa Images/DigitalVision/gettyimages

Sascha Otto ist babywelt Redakteur und beschäftigt sich intensiv mit der physischen und psychischen Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern. Er schreibt regelmäßig für das Elternmagazin und betreut seit Beginn an die Serie „Weltentdecker“.