Humanitäre Geburtshilfe

Um Leben und Tod

Michaela Senger / rundum wohlfühlen / 19. Mai 2017

Geburtshilfe unter einfachsten und mitunter auch lebensgefährlichen Bedingungen – Patricia Günther arbeitet seit acht Jahren als Hebamme in Krisenregionen. Hier erzählt sie, warum sie sich kein anderes Leben vorstellen kann.

Vorheriger ArtikelKreative Pause
Nächster ArtikelClubhotel

Ich bin: Patricia Günther

... freiberufliche Hebamme 
... 39 Jahre, ledig
... 1999 bis 2002 Ausbildung am Zentralklinikum Augsburg 
... 2003 bis 2004 Kreißsaalhebamme im Kreiskrankenhaus 
Sigmaringen
... 2004 bis 2007 selbstständig in eigener Praxis in Zusmarshausen in Kooperation mit dem Geburtshaus Augsburg
... 2008 erster Auslandseinsatz im Dhulikhel Krankenhaus im Kathmandutal (Nepal) mit „German Rotary Volunteer Doctors“
... seit 2009 unterstütze ich „Ärzte ohne Grenzen“ in der Geburtshilfe in Krisenregionen (u. a. im Sudan, in Äthiopien, Syrien und Jemen)
... seit 2013 Medizinstudium an der Universität Ulm

Es gibt Momente, die bleiben. Bilder, die ich nicht vergessen kann. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine junge Frau im Südsudan, die wir auf der Straße aufgelesen haben. Sie war höchstens 18 Jahre alt, hielt ein kleines Stoffbündel im Arm. Es war ihr Sohn. Sie hatte ihn allein am Straßenrand zur Welt gebracht, viel zu früh. Er war ca. 1.200 Gramm leicht. Der Kleine sah aus wie ein alter Mann, runzlig und eingefallen. Darüber hinaus war er dehydriert und litt an einer schweren Infektion. Zwei Wochen lang habe ich mit meinen Kollegen von „Ärzte ohne Grenzen“ um das Leben des Säuglings gekämpft. Zunächst führten wir ihm tropfenweise Glucose und Wasser zu. Es dauerte Tage, bis er eine Infusion bekommen konnte. Doch nach mehreren Wochen intensiver Betreuung konnten wir Mutter und Kind nach Hause schicken. Dies sind Augenblicke, in denen mir bewusst wird, wie wichtig medizinische Nothilfe in ärmeren Ländern ist. Auch wenn wir nicht alle Menschen, die zu uns kommen, retten können.

 

Wenn wenig viel bewirken kann

Ich habe bisher elfmal für „Ärzte ohne Grenzen“ als Hebamme in verschiedenen Ländern Afrikas sowie des Mittleren und Nahen Ostens gearbeitet. In den Projekten bin ich oft für die gesamte Entbindungsstation und den Kreißsaal verantwortlich. Das heißt, ich muss einerseits für sichere Geburten sorgen und andererseits ein ganzes Team von einheimischen Hebammen unterstützen und gegebenenfalls auch ausbilden. Oft stehen uns dafür nur wenige medizinische Geräte zur Verfügung. Ein gut ausgestatteter Kreißsaal mit mehreren Ultraschallgeräten gehört in ärmeren Ländern, anders als in Deutschland, nicht zum Standard. Aber es ist erstaunlich, wie viel wir mit ein bisschen Antibiotika und Infusionen ausrichten können. Die Arbeit ist ein Geben und Nehmen. Denn auch ich lerne viel von den nationalen Kollegen, etwa wie man mit wenigen Handgriffen einen Geburtsstillstand positiv beeinflussen kann.

Meine Arbeit in der Geburtshilfe für „Ärzte ohne Grenzen“ ist mit dem Alltag einer Hebamme in Deutschland nicht zu vergleichen. Häufig lebt man in einfachen Unterkünften oder Zelten. Manchmal muss man auf Matratzen auf dem Boden schlafen – mit dem Wissen, dass Schlangen und giftige Tiere Nachbarn sein können. Abwechslungsreiches Essen und regelmäßige Mahlzeiten darf man nicht erwarten. All das muss man aushalten können. Und auch die Arbeit ist viel anstrengender als in Deutschland. Zum einen, weil ich viel mehr Verantwortung habe, und zum anderen, weil es immer wieder Notfälle gibt, bei denen es wirklich um Leben und Tod geht. Kaiserschnitte werden nur im absoluten Notfall gemacht, wenn Mutter und Kind in Lebensgefahr schweben und zum Beispiel Kindswendungen keinen Geburtsfortschritt bringen. Normale Geburten in Beckenendlagen sind in ärmeren Ländern keine Seltenheit, sondern die Regel. Das liegt auch daran, weil die Frauen dort oft viele Kinder bekommen und die Geburtswege von vorherigen Entbindungen geweitet sind.

Vielen Frauen und Kindern können wir helfen, anderen leider nicht. Das liegt auch daran, dass sich Frauen oft nur auf den Weg zu uns machen, wenn es bei der Geburt zu Komplikationen kommt. Manchmal ist die Entfernung dann zu weit, sodass es zum Beispiel bereits zu einer Blutvergiftung gekommen ist. Und es ist frustrierend und auch belastend, wenn wir den Kampf um ein Leben verlieren.

Auch wenn die Arbeit in ärmeren Ländern und Krisenregionen anstrengend ist, empfinde ich sie erfüllender als in Deutschland, wo ich nach meiner Hebammenausbildung sowohl in einer Klinik als auch selbstständig gearbeitet habe. Denn ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit mehr geschätzt wird und tatsächlich etwas bewirkt. Ich bekomme viel positives Feedback – von den Ärzten und den anderen Kollegen vor Ort. Der Austausch im Projekt war für mich viel intensiver, der Zusammenhalt und das Vertrauen untereinander größer. Geregelte Acht-Stunden-Schichten gibt es nicht. Die Intensität und Dauer meiner Arbeit ist immer abhängig von der Situation auf der Station oder im Kreißsaal. Zum Glück weiß ich, dass ich nicht alleine bin, sondern dass ich meine Kollegen auch mitten in der Nacht aus dem Schlaf holen kann, wenn ich bei Komplikationen Hilfe benötige.

Hilfe in Zeiten des Krieges

Freud und Leid liegen in der medizinischen Nothilfe nah beieinander. Die Dankbarkeit der Menschen, denen wir helfen können, berührt mich tief. Aber selbstverständlich gibt es auch schlimme Momente, die mir ans Herz gehen: die Verzweiflung von Patientinnen, die ihr Kind verlieren, oder die Trauer der Angehörigen, wenn ein Familienmitglied in unserer Klinik stirbt. 

Um meine Arbeitsfähigkeit aufrechtzuerhalten, versuche ich, schlimme Erlebnisse möglichst schnell zu verarbeiten. Das gelingt mir meist recht gut durch Gespräche mit meinen nationalen und internationalen Kollegen vor Ort. In Syrien, in der Nähe von Aleppo, wo ich im Dezember 2012 und Januar 2013 fast sechs Wochen lang gearbeitet habe, waren zum Beispiel die Kriegsverletzungen der Menschen so schlimm, dass wir uns oft noch spät abends zusammensetzten, um die schrecklichen Bilder und emotional belastende Erfahrungen zu verarbeiten. Darüber hinaus konnten wir auf Wunsch jederzeit psychologische Hilfe der Organisation in Anspruch nehmen.

Syrien war mein bisher schwerster und herausforderndster Einsatz für „Ärzte ohne Grenzen“. Im Team haben wir teilweise 36 Stunden am Stück in einer Klinik gearbeitet. Die Schwangerenstation war fast immer so voll, dass wir die Frauen dicht an dicht auf Matratzen am Boden legen mussten. Tagsüber war ich damit beschäftigt, Patientinnen zu untersuchen und bei Geburten zu unterstützen. Abends musste noch Büroarbeit erledigt werden. Wenn es dunkel wurde, arbeiteten wir oft nur mit Taschenlampen, die wir sofort ausschalteten, sobald wir Flugzeuggeräusche hörten, um nicht entdeckt zu werden. Nachts schlief ich oft nur drei Stunden am Stück. Immer wieder hörten wir die Bombeneinschläge. Das hält man körperlich nicht lange durch. Hinzu kamen die psychischen Belastungen durch die schlimmen Verletzungen der Menschen, die ich in dieser Form noch nie gesehen hatte. Solche Bilder lassen sich auf Dauer nicht zur Seite schieben. Da bin ich an meine Grenzen gestoßen. Nach knapp sechs Wochen habe ich gemerkt, dass es für mich Zeit war, nach Hause zu fliegen.

 

Ruhe in Extremsituationen

Trotz des schweren Bürgerkrieges hatte ich keine Todesangst. Durch vorherige Einsätze in Pakistan, im Sudan und in Nigeria weiß ich, dass ich auch in Extremsituationen ruhig bleibe. Das ist ganz wichtig. Sind wir Helfer direkt von Gewalt betroffen, hilft es niemandem, wenn wir panisch werden. Außerdem weiß ich, dass ich mich auf „Ärzte ohne Grenzen“ verlassen kann. Dass ich sofort nach Hause darf, wenn ich das Gefühl bekomme, nicht mehr mein Bestes geben zu können. Oder dass ich von der Organisation in Sicherheit gebracht werde, wenn die Situation vor Ort für die internationalen Helfer zu gefährlich wird. Das habe ich zum Beispiel 2009 in Darfur erlebt.

Weltweite Nothilfe

Die internationale Organisation „Médecins Sans Frontières“ (Ärzte ohne Grenzen) leistet unabhängige medizinische Nothilfe in Krisensituationen und nach Katastrophen in rund 60 Ländern weltweit. Mehr Informationen zu ihrer Arbeit und zu Spendenmöglichkeiten gibt es im Internet unter: www.aerzte-ohne-grenzen.de

Immer wieder nach Hause zu kommen, ist für mich ganz wichtig. Meine Eltern, die in Zusmarshausen im Landkreis Augsburg leben, sind mein Friedenspol, mein Anker, der mir Halt gibt. Hier kann ich zu Kräften kommen, lange schlafen und gut essen. 

Allerdings benötige ich auch immer ein paar Wochen, um mich wieder an das Leben in Deutschland zu gewöhnen. Der Überfluss an Lebensmitteln in Supermärkten und sauberes Trinkwasser aus der Leitung – für uns selbstverständlich, für die Menschen in ärmeren Ländern nicht. Durch meine Arbeit „für Ärzte ohne Grenzen“ weiß ich unseren Standard viel mehr zu schätzen als früher und freue mich, dass wir hier in Frieden leben können. Mein Lebensinhalt bleibt die medizinische Nothilfe in Krisenregionen. Nachrichten über humanitäre Katastrophen schaue ich aus einem ganzen anderen Blickwinkel als viele andere. 

Mein persönliches Ziel ist es, Menschen in ärmeren Ländern noch besser helfen zu können. Deshalb studiere ich seit knapp vier Jahren Medizin an der Universität Ulm. Eine Entscheidung, die ich noch keine Minute bereut habe – trotz des großen Aufwands. Viele Krankheiten und die Gefährlichkeit von Erregern verstehe ich durch das Studium inzwischen besser. Aber die Zeit ist knapp geworden und so kann ich derzeit nur noch in studienfreien Zeiten für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeiten.

Spätestens wenn ich 2020 das Studium beendet habe, möchte ich aber wieder für die Organisation als Hebamme ins Ausland. Warum mir das so wichtig ist? Es gibt ein passendes Zitat von Mark Twain: „Die zwei bedeutendsten Tage in deinem Leben sind der Tag, an dem du geboren wurdest und der Tag, an dem du herausfindest, warum.“ Ich glaube, ich habe die zweite Antwort schon bekommen. 

Fotos: Patricia Günther/MSF 
Robert Hoglund/MSF

Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.