Das große Interview

Von Kinderwünschen und Wunschkindern

Michaela Senger / alles wissen / 18. Mai 2017

Jedes siebte Paar in Deutschland hat Schwierigkeiten, auf natürlichem Weg ein Kind zu bekommen. Eine künstliche Befruchtung ist für viele die einzige Chance. Anja und Mark erzählen von den Höhen und Tiefen einer Kinderwunschbehandlung.

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Eine geringe Spermienqualität infolge einer früheren Krebserkrankung von Mark (37) führte dazu, dass sich Anja (37) und er den Traum von einem gemeinsamen Kind nur durch eine künstliche Befruchtung erfüllen konnten. Nach drei Jahren Behandlung in einer speziellen Kinderwunschpraxis hörten sie endlich die ersehnten Worte: Sie sind schwanger!

Mit welchen Erwartungen habt ihr die Kinderwunschbehandlung begonnen?

Anja: Wir wussten ja von Anfang an, dass es bei uns auf natürlichem Wege nicht klappen kann und sind locker und ohne Druck an die Sache herangegangen: Entweder es klappt oder nicht. Als es losging, waren wir total aufgeregt und positiv gestimmt. Dann schlug die erste künstliche Befruchtung fehl. Wir waren am Boden zerstört. Total frustriert und bitter enttäuscht.

Was war für euch besonders belastend?

Anja: Zum einen stand ich vor der Herausforderung, die vielen Arzttermine in der Kinderwunschpraxis mit meinem beruflichen Alltag abzustimmen. Immer wieder tagelang im Job zu fehlen oder zu spät ins Büro zu kommen – das hat mich schon belastet. Auch mir jeden Tag Hormone spritzen zu müssen, mal mit langen, mal mit kurzen Nadeln, teilweise zu festgelegten Uhrzeiten, hat mich anfangs überfordert. Dadurch reiften bei mir anstatt einer Eizelle zehn bis zwölf in einem Zyklus heran. Diese wurden mir in einer kurzen Operation entnommen. Im Labor wurden dann Marks Spermien – wie bei der ICSI-Methode* üblich – direkt in die entnommenen Eizellen gespritzt. Zwei der am besten befruchteten wurden mir zwei bis drei Tage nach der OP wieder in die Gebärmutter eingesetzt. Da war klar – jetzt geht es um alles. Entsprechend groß war meine Anspannung. Und ich dachte: Hoffentlich muss ich das nicht noch mal durchmachen.

Wie habt ihr die Wartezeit bis zum Schwangerschaftstest empfunden?

Anja: In den 14 Tagen habe ich versucht, mich so gut es ging abzulenken. Trotzdem drehten sich meine Gedanken immer wieder um die Frage, ob es wohl mit der Schwangerschaft geklappt hatte.
Mark: Mir ging es natürlich auch so. Im Hinterkopf blieb dabei aber auch immer die Sorge, dass die Behandlung umsonst gewesen sein könnte.
Anja: Stimmt. Schlimm war der Tag des Schwangerschaftstests. Die Blutabnahme erfolgte morgens in der Praxis. Das Ergebnis erfuhren wir telefonisch erst nachmittags. Die Wartezeit war kaum auszuhalten.

Wie war es, als ihr erfahren habt, dass der Schwangerschaftstest negativ war?

Anja: Ich war sehr frustriert und habe viel geweint. Fühlte mich ausgebrannt und perspektivlos. Nach jedem fehlgeschlagenen Versuch nahm die Hoffnung, schwanger zu werden, auch ein Stück weiter ab. Mark versuchte, mich zu trösten. Das hat mir natürlich gut getan. Es war immer ein Auf und Ab. In guten Phasen dachte ich: Vielleicht ist es wie beim Würfeln – irgendwann ist eine Sechs dabei.
Mark: Auch ich war natürlich jedes Mal total fertig. Ich war aber nicht so verzweifelt wie Anja und habe ihr immer gesagt, dass sie selbst entscheiden soll, die Therapie aufzugeben, wenn ihr alles zu viel wird. Oft sind wir am gleichen Abend noch gut essen gegangen, um den Tag irgendwie positiv abschließen zu können.

Habt ihr kurz danach wieder einen neuen Versuch gestartet, ein Kind zu bekommen?

Anja: Nein, damit sich der Körper erholen kann, muss man drei Monate warten, bis die Behandlung von vorne beginnt. In dieser Zeit habe ich versucht, mich besonders ausgewogen zu ernähren, habe mich zum Joggen verabredet oder bin mit Mark in eine Sole-Therme zum Entspannen gefahren.

Wie hat sich die Behandlung im Laufe der Jahre verändert?

Anja: Die Hormondosierung wurde bei jedem Versuch verändert und individuell auf meinen Körper abgestimmt. Leider gibt es keine allgemeingültige Therapie, die zum Erfolg führt. Zwei Jahre lang ging ich zudem zweimal wöchentlich zur Akupunktur. Die chinesische Ärztin sagte, ich würde zu viel grübeln. Da hatte sie wohl recht.

Brachte die Akupunktur dann den gewünschten Erfolg?

Anja: Ich bin mir sicher, dass sie unsere Behandlung positiv beeinflusst hat. Denn Akupunktur während einer Kinderwunschbehandlung fördert zum Beispiel die Durchblutung der Gebärmutter und die Beweglichkeit des Muskels. Ausschlaggebend für die beim vierten Versuch erfolgreiche Behandlung war aber eine begleitende Infusionstherapie mit Intralipid, eine auf Sojabohnenöl basierende pflanzliche Emulsion. Dies ist eigentlich eine künstliche Ernährung, die auch Säuglinge auf Intensivstationen bekommen.

Wie ist euer Arzt darauf gekommen?

Anja: Er war davon überzeugt, dass ich ein hochreaktives Immunsystem in der Gebärmutter habe, das die befruchteten Eizellen abstieß. Er meinte, dass die Infusion die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit erhöhen könnte. Und bei mir hat es tatsächlich geklappt. Ich wurde schwanger.

Wie verlief die Schwangerschaft?

Anja: Nach dem positiven Bluttest in der Kinderwunschpraxis dauerte meine Freude gerade mal zwei Stunden. Mein Arzt rief mich an und empfahl mir, sofort wieder zu ihm zu fahren, da mein Blut einen zu niedrigen Schwangerschaftshormonwert zeigte. Würde er mir dieses Hormon nicht schnellstmöglich spritzen, drohe eine Fehlgeburt. Da war ich wieder nervlich am Ende.
Mark: Richtig genießen konnten wir beide die Schwangerschaft anfangs nicht. Anja bekam bereits in der 7. Woche Blutungen. In der 13. Woche lag sie in der Klinik.
Anja: Zwar stabilisierte sich die Schwangerschaft, aber die Angst, das Baby zu verlieren, blieb. Ich wagte mich nicht einmal mehr, eine halbe Stunde spazieren zu gehen oder Fahrrad zu fahren. Erst ab dem 6. Schwangerschaftsmonat konnte ich mich zunehmend entspannen.

Wie schwer war es für euch, in den Behandlungsjahren Freunde, die ein Baby erwarteten, oder bereits ein Kind hatten, zu treffen?

Anja: Das hat mich schon runtergezogen. Jede neue Schwangerschaft im Freundeskreis fühlte sich an wie eine Ohrfeige. Klar ist das ungerecht, weil man anderen ihr Familienglück gönnen sollte, aber wenn man sich sehnlichst ein Kind wünscht und man selbst durch eine künstliche Befruchtung nicht schwanger wird, ist es schwer, rational zu denken.

Habt ihr über den Kinderwunsch und die Behandlung mit anderen gesprochen?

Anja: Ich habe anfangs viel mit meinen Eltern, meiner Schwester und engen Freundinnen über unseren Kinderwunsch und die notwendige ärztliche Behandlung gesprochen. Alle haben uns Mut gemacht. Nachdem die ersten Befruchtungsversuche fehlschlugen, konnte ich allerdings die gut gemeinten Tipps nicht mehr ertragen und wurde viel verschwiegener.
Mark: Ich hatte nicht das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Solche persönlichen Themen kann ich immer sehr gut mit mir alleine oder mit Anja ausmachen.

Was empfehlt ihr Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch?

Anja: Es kann entlastend sein, offen darüber zu sprechen, dass man sich Kinder wünscht, aber Probleme hat, schwanger zu werden. So lässt sich ständiges Nachfragen, wann denn endlich der Nachwuchs kommt, verhindern. Von den einzelnen Versuchen und Terminen würde ich im Nachhinein niemandem etwas erzählen. Hinterher fragten immer alle: Und, hat es geklappt? Meine Enttäuschung wollte und konnte ich irgendwann nicht mehr mit anderen teilen.

Welche weiteren Tipps möchtet ihr Betroffenen geben?

Anja: Eine Kinderwunschbehandlung führt in der Regel meist nicht nach dem ersten Versuch zum Erfolg – man muss versuchen, sich so gut es geht genau das bewusst zu machen. Wichtig finde ich, dass sich wirklich beide Partner Kinder gleichermaßen wünschen. Dann kann man sich während der Behandlung besser unterstützen. Außerdem ist es sicherlich gut, einen Plan B zu haben, falls es mit der Schwangerschaft nicht klappen sollte. Wir hatten zum Beispiel immer das Ziel, viel zu reisen, wenn wir nicht Eltern geworden wären.

Wie hat sich euer Leben durch die Geburt eurer Tochter verändert?

Anja: Auf einmal ist alles anders. Frida hat unser Leben auf den Kopf gestellt. Das Leben mit ihr ist eine große und gleichzeitig wunderschöne Herausforderung.
Mark: Manchmal können wir es noch nicht richtig glauben, dass sie da ist, inzwischen schon 15 Monate alt ist und die Welt immer mehr allein entdeckt.
Anja: Auch wenn die künstlichen Befruchtungen mich emotional belastet haben. Sie haben sich gelohnt. Der Traum von einem gemeinsamen Kind ist in Erfüllung gegangen. Das ist für uns das größte Glück.

Fotos: Johner Images/gettyimages, Edward Carlile Portraits/Moment Select/gettyimages

 

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Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.