Wie Kinder ihre Entwicklung in die Hand nehmen

Ich hab alles im Griff!

Sascha Otto / alles wissen / 09. November 2017

Pinzetten- und Scherengriff – nicht zufällig klingen diese Wörter wie Werkzeuge. Für Kinder sind Hände nämlich genau das: wichtige Instrumente, die Welt zu erkunden und Schritt für Schritt selbstständig zu werden.

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Die Hände sind ein wichtiges – wenn nicht sogar das wichtigste – Werkzeug für die kindliche Entwicklung. Mit ihnen ertasten und erfühlen die Kleinen ihre Umwelt und lernen, wie verschiedenste Dinge beschaffen sind und natürlich auch, wie die Gegenstände funktionieren und wie sie zu benutzen sind. 

Die Entdeckung der Welt 

Schon kurz nach der Geburt spielen die Hände eine große Rolle: Dank des angeborenen Greifreflexes schließt das Neugeborene seine Hand fest um die Finger von Mama und Papa, wenn diese seine Handfläche berühren. Die erste Form der Kontaktaufnahme. Sicher haben Sie schon bemerkt, dass die Hände Ihres Babys anfangs zu einer Faust geballt sind. Das ist völlig normal, denn die Hand- und Fingerfertigkeiten müssen sich erst noch entwickeln. Der Grundstein dafür wird in den ersten drei Lebensmonaten gelegt. Sie werden beobachten, wie sich Ihr kleiner Weltentdecker die Finger in den Mund steckt und daran saugt oder wie er immer wieder seine Hände vor sein Gesicht hält und ganz fasziniert betrachtet, wie sich seine Finger bewegen. Neben den motorischen Fortschritten wird so die wichtige Hand-Augen-Koordination geschult. Mit etwa vier bis fünf Monaten greift Ihr Kind – zwar noch mit der ganzen Hand, aber dafür gezielt – nach Gegenständen in seiner Umgebung. Es kann sie für eine kurze Zeit festhalten und etwas später auch von der einen in die andere Hand übergeben. Was klingt wie eine kleine Fingerübung, die wir Erwachsenen mit links erledigen, ist für Ihr Kind eine enorme koordinatorische Herausforderung.

Schon gewusst?

Loslassen fällt schwer: Gegen Ende des ersten Lebensjahres kann Ihr Kind bereits viele Dinge geschickt greifen und festhalten. Wie es sie aber gezielt wieder loslässt, muss es noch lernen. Bis dahin kann es häufig passieren, dass Ihr Kind ein Spielzeug regelrecht von sich wirft, um es abzulegen.

Mit etwa acht Monaten beherrschen Babys den Scherengriff und greifen Gegenstände mit ausgestrecktem Daumen und Zeigefinger. In dieser Phase erwacht der Forschergeist. Ab jetzt wird jeder Gegenstand, den Ihr Kind in die Hände bekommt, eingehend untersucht. Oder besser: angeschaut, hin und her bewegt, befühlt und in den Mund gesteckt. Dadurch machen Kinder vielfältige sinnliche Erfahrungen: Sie sehen, tasten, riechen, hören und schmecken. Sie lernen so, dass Gegenstände unterschiedlich schwer sind, wie sich verschiedene Materialien anfühlen und wie sie sich verhalten, wenn sie herunterfallen. Sie werden sicher die Phase kennen, in der Ihr Kind alles zu Boden wirft und einen großen Spaß daran hat, wenn Mama und Papa die Gegenstände immer wieder aufheben und ihm wieder in die Hand legen. Nehmen Sie es gelassen. Ihr Kind entwickelt so allmählich eine Vorstellung von den Dingen und speichert den Ablauf der Greifbewegung ab. Im Gehirn werden all diese Informationen miteinander verknüpft. Die Vorstellung, die Ihr Kind von seiner Umwelt hat, wird nun immer konkreter. 

Ich hab alles im Griff ... 

… Mamas Finger (neugeboren)

Berühren Mama und Papa die Hand- fläche des Säuglings, reagiert er mit dem angeborenen Greifreflex und schließt seine Hand um den Finger. Dieser Griff wird auch Affen-Griff genannt. Der Urinstinkt sorgt für einen sicheren Halt bei Mama und Papa.
… mich selbst (0 – 3 Monate)

Ihr Kind macht sich mit seinen eigenen Händen und Fingern vertraut. Fasziniert hält es sie sich vor das Gesicht und beobachtet, wie sich die Finger bewegen. Oft stecken sich die Kleinen die Finger in den Mund. 
… Kuscheltier (4 – 5 Monate)

Nun beginnen die Kleinen, gezielt nach Gegenständen zu greifen. Noch sieht es etwas krampfhaft aus, wenn die Babys versuchen, etwas fest zu halten, z. B. das geliebte Kuscheltier.
… Rassel (6 – 7 Monate)

Ihr Kind greift nun nach kleineren Gegenständen mit einer Hand, bewegt diese hin und her und wechselt ihn von der einen in die andere Hand. Das Greifen mit beiden Händen ist noch nicht möglich. 
… Nachziehtier (7 – 8 Monate)

Die Greif- bzw. Fingerfertigkeiten des kleinen Weltentdeckers werden immer ausgereifter. Mit dem Scherengriff werden kleine Gegenstände, wie z. B. eine Schnur, zwischen Daumen und Zeigefinger gefasst.
… Ball (9 – 12 Monate)

Nicht nur die Feinmotorik macht Fortschritte. Auch die Kraft in den Armen und Händen hat sich in den vergangenen Monaten kontinuierlich ausgebildet. Ihr Kind kann nun größere Objekte, wie einen Ball, mühelos mit beiden Händen fassen. 
… Trinkbecher (1 – 2 Jahre)

Inzwischen kann Ihr Kind aus einem Becker trinken oder in einem Buch blättern. Es ist nun so weit, auch kleinste Objekte wie Krümel zu greifen. Das gelingt ihm, indem es mit den Fingerkuppen von Daumen und Zeigefinger greift (Pinzettengriff).
… Buntstifte (2 Jahre)

Kleinkinder lieben es, Zeichnungen – am besten mit dicken Stiften – zu Papier zu bringen oder mit Bauklötzen oder Legosteinen zu spielen. Beides trainiert die Handmuskulatur und fördert die Kreativität. 

Noch immer spielt auch der Mund als Erkundungswerkzeug eine große Rolle. Mit etwa elf bis zwölf Monaten wird es die Hände dem Mund aber langsam vorziehen. Wichtig in dieser ganzen Zeit: Achten Sie darauf, dass verschluckbare Gegenstände außer Reichweite sind und prüfen Sie Ihre Umgebung auf Kindersicherheit. Übrigens: Im ersten Lebensjahr benutzen Kinder beide Hände gleich intensiv. Im Verlauf des zweiten Lebensjahres finden sie aber heraus, dass eine Hand geschickter ist als die andere. Eltern können nun anhand alltäglicher Bewegungsabläufe erkennen, welche Hand mit Vorliebe benutzt wird. Spätestens bis zum Kindergartenalter zeigt sich endgültig, welche die „Arbeitshand“ ist.

Schon gewusst?

Das doppelte Händchen: Bis etwa zum fünften Lebens- monat können Kinder Gegenstände nur mit einer Hand festhalten. Hält ihr Kind z. B. seine Rassel in der einen Hand und legen Sie einen anderen Gegenstand in die andere, wird es die Rassel fallen lassen. Wetten?

Mit etwa einem Jahr wird das Greifen Routine. Mithilfe des Pinzettengriffs (Daumen-Zeigefinger-Griff) kann Ihr Kind jetzt auch unhandliche und kleine Spielsachen und Gegenstände mühelos greifen. Die Entwicklung der Greiffähigkeit, der Motorik und der sich damit ausbildenden Kraft ist die Eintrittskarte in die Selbstständigkeit. Es möchte Dinge, die es vorher nur mithilfe von Mama und Papa konnte, alleine machen – etwa mit dem Löffel essen, Zähne putzen, eine Tasse halten und selbst daraus trinken. Ihre Aufgabe: zusehen und staunen! Schaffen Sie Freiräume, damit es seine Entwicklung selbst in die Hand nehmen kann. Vergessen Sie nie: Die Entwicklung von Kindern ist sehr individuell.

Nehmen Sie Ihr Kind daher – im wahrsten Sinne des Wortes – an die Hand und machen es mit der spannenden Welt da draußen vertraut. Sie werden sehen: Es gibt kaum etwas Schöneres als der strahlende Gesichtsausdruck eines Kindes, das seine Umwelt immer mehr begreift.

 

Foto: www-christinakinnerphotography.com/Moment/gettyimages;
Sporrer/Rupp/Cultura/gettyimages
Illustrationen: Miriam Frömming

Lesetipp

"Spielend begreifen" – erfahren Sie hier, wie Sie die Motorik Ihres Kindes fördern können.

Sascha Otto ist babywelt Redakteur und beschäftigt sich intensiv mit der physischen und psychischen Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern. Er schreibt regelmäßig für das Elternmagazin und betreut seit Beginn an die Serie „Weltentdecker“.