Hypnobirthing – Geburt nach Plan

In der Ruhe finde ich Kraft

Michaela Senger / alles wissen / 07. November 2017

Eine leichte, schmerzarme Geburt – Katja Werth (30) hat sie dank Hypnobirthing erlebt. Ein Gespräch über eine besondere Form der Geburtsvorbereitung, die sanftes Gebären ohne Schmerzmittel ermöglichen soll.

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Während ihrer Schwangerschaft hat Katja Werth viele Geburtsberichte gehört. Einer schlimmer als der andere. „Da muss man wohl durch“, dachte sie, bis sie einen Medienbericht über Hypnobirthing las. Eine Methode, die – anders als es der Name vermuten lässt – zwar nicht gebären unter Hypnose bedeutet, aber mit der Frauen Atem- und Entspannungstechniken erlernen, die ihnen die Geburt erleichtern sollen. Gemeinsam mit Ehemann Stefan (40) meldete sich Katja zu einem entsprechenden Kurs bei Kerstin Todt (40) an, Oberärztin der Geburtshilfe im St. Ansgar-Krankenhaus in Höxter. Im Interview erzählen die drei von ihren Erfahrungen.

Frau Todt, Sie haben sich zur Kursleiterin Hypnobirthing weitergebildet. Warum?

Kerstin Todt: Für eine Schulmedizinerin mag das ungewöhnlich sein. Aber mein vorrangiges Ziel war und ist es, dass Frauen, die bei uns im Krankenhaus entbinden, ein positives Geburtserlebnis haben. Dies gelingt vor allem, wenn sich Frauen angstfrei, entspannt und selbstbewusst einer Geburt stellen. Das kann mit Hypnobirthing gelingen.

Was ist das Besondere an der Methode?

Kerstin Todt: Hypnobirthing basiert auf der Überzeugung, dass sich die Körper von Frau und Baby dem Geburtsprozess instinktiv anpassen. Eine Geburt muss weder stressig noch anstrengend oder schmerzhaft sein, wenn die werdenden Eltern auf den natürlichen Ablauf der Geburt vertrauen und bestimmte Atem- und Visualisierungstechniken anwenden. Diese lernen sie in insgesamt zwölf Kursstunden.

Was für Techniken sind das?

Katja Werth: Zum Beispiel die Ruhe- und die Wellenatmung. Dabei wird durch langsames Zählen im Kopf tief in den Bauch ein- und durch die Nase wieder ausgeatmet. Das half mir unter anderem dabei, während der Wehen nicht zu verkrampfen. Beim Hypnobirthing heißen diese allerdings Wellen, da das Wort Wehe schon Schmerz suggeriert. Darüber hinaus habe ich durch Hypnobirthing gelernt, mich durch die Vorstellung festgelegter Bilder selbst in einen tiefenentspannten, tranceähnlichen Zustand zu versetzen. Die Entbindung hat Kerstin dann wieder und wieder mit mir durchgespielt. 

Stefan Werth: Ich gebe zu, dass ich am Anfang sehr skeptisch war, ob diese Form der Geburtsvorbereitung funktionieren kann. Offen war ich gegenüber der natürlichen Geburt und habe mich deshalb von meiner Frau überzeugen lassen, an dem Kurs teilzunehmen. Da wir Männer von der ersten Kursstunde an inhaltlich und praktisch miteinbezogen wurden und gemeinsam mit unseren Frauen zu Hause die Techniken täglich üben mussten, war ich am Ende aber optimistisch, dass wir eine sanfte Geburt erleben würden.

Kurse & Kosten

Die Teilnahme an einem Hypnobirthing-Kurs kostet pro Paar rund 400 Euro. Im Preis enthalten ist ein Informationsbuch sowie eine CD mit Musik und Anleitungen zum Üben von Atem- und Entspannungstechniken. Bester Zeitpunkt für den Start des Kurses ist die 20. Schwangerschaftswoche. Gesetzliche Krankenkassen beteiligen sich in unterschiedlicher Höhe an den Kosten. Mehr Infos unter: hypnobirthing.de

Woher kommt Hypnobirthing?

2014 beschrieb die amerikanische Hypnotherapeutin Marie Mongan die Methode in ihrem Buch „Hypnobirthing – der natürliche Weg zu einer sicheren, sanften und leichten Geburt“ (Mankau-Verlag). Sie bezieht sich darin auf Theorien und Erfahrungen des englischen Frauenarztes Dr. Grantly Dick-Read, der ab 1913 in London als Geburtshelfer arbeitete. Zunehmend findet Hypnobirthing auch in Deutschland Fürsprecher.

Atemtechniken sind auch Teil von klassischen Geburtsvorbereitungskursen. Was ist in Hypnobirthing-Kursen anders?

Kerstin Todt: Im Geburtsvorbereitungskurs, der von den Krankenkassen bezahlt wird, wird häufig nur kurz auf Atemtechniken eingegangen. Außerdem üben die Frauen diese meist nicht intensiv genug. Zudem schildern dort viele Frauen negative Geburtserlebnisse, die sie entweder selbst erlebt oder von anderen gehört haben. Das schürt gerade bei Erstgebärenden die Angst davor, was sie im Kreißsaal erwartet. Davon können sich die meisten bei Geburtsbeginn nicht frei machen und vergessen dann alles, was sie vorher im Kurs gelernt haben.

Welche Folgen hat das?

Kerstin Todt: Es beginnt ein Teufelskreis: Denn Angst bewirkt, dass sich die Muskeln verkrampfen, sich die Durchblutung reduziert und Stresshormone ausgeschüttet werden. Dadurch verschlimmern sich die Geburtsschmerzen. Beim Hypnobirthing wird deshalb nicht nur viel Wert auf das Üben von Atem- und Entspannungstechniken gelegt, sondern auch auf Information: Was passiert im Körper der Frau während der Geburt? Was begünstigt den Geburtsprozess? Hypnobirthing ist also eine gute Methode, um Ängste abzubauen und eine leichtere Geburt zu erleben. 

Garantiert ein Hypnobirthing-Kurs eine sanfte natürliche Geburt?

Kerstin Todt: Nein. Das vorrangige Ziel von Hypnobirthing ist ein positives Geburtserlebnis. Die Geburt eines Babys kann mitunter eine unerwartete Wendung nehmen, die einen medizinischen Eingriff notwendig macht. Das kann ein Geburtsstillstand sein oder eine Verschlechterung des Gesundheitszustands von Mutter und Kind. Wichtig ist, dies den Paaren vorher bewusst zu machen, sodass sie nicht enttäuscht sind oder es als eigenes Versagen empfinden, wenn die Geburt nicht nach Plan verläuft.

Inwieweit ist eine Geburt im Vorfeld planbar?

Kerstin Todt: Nicht alle Paare, die an meinen Kursen teilnehmen, wohnen in Höxter. Ich ermutige sie deshalb, sich in Ruhe zu entscheiden, wo sie entbinden möchten und wer sie bei der Geburt medizinisch betreuen soll. Zudem empfehle ich ihnen aufzuschreiben, wie sie sich den Geburtsverlauf wünschen, denn in gewissen Punkten sind Entbindungen durchaus vorab planbar. 

Katja Werth: Ich wollte zum Beispiel auf keinen Fall einen Dammschnitt, keine PDA und möglichst am Tag der Geburt wieder nach Hause, wenn es mir und unserer Tochter gut gehen würde. Wichtig war mir auch, eine bestimmte Musik-CD während der Geburt hören zu dürfen. Darüber hinaus wollte ich die Möglichkeit haben, in der Badewanne zu entbinden und die Geburtspositionen selbst auswählen zu können. Die Hebamme sollte den Geburtsablauf zwar überwachen, aber möglichst wenig eingreifen. Wert haben wir auch darauf gelegt, dass Stefan die Nabelschnur erst dann durchtrennt, wenn sie nicht mehr pulsiert, damit über das Blut noch Stammzellen in den Körper unseres Babys übertragen werden konnten. 

Kerstin Todt: Wichtig ist, dass die Eltern in einem ausführlichen Gespräch vor der Geburt die betreuenden Hebammen oder Ärzte über ihre Wünsche informieren, sodass die Aufgaben und Rollen während der Geburt klar verteilt sind.

Wie hat die Hebamme auf Ihre Wünsche reagiert?

Stefan Werth: Wir haben uns bewusst für ein Krankenhaus in unserem Wohnort entschieden, in dem der Kreißsaal von Hebammen geleitet wird. Diese propagieren die natürliche Geburt. Beim Vorgespräch war die Hebamme ganz begeistert, dass wir uns so viele Gedanken gemacht hatten und stand unseren Wünschen positiv gegenüber.

Wie haben Sie die Geburt erlebt?

Katja Werth: Ich war sehr entspannt und konnte mich die ganze Zeit sehr gut auf meinen Körper und die gelernten Techniken konzentrieren. Ich war überrascht, wie schnell unsere Tochter auf die Welt kam. Um 13 Uhr fuhren wir ins Krankenhaus und um 17 Uhr war sie bereits geboren. All unsere Wünsche wurden respektiert. Es war wirklich eine Traumgeburt. Die Schmerzen konnte ich gut aushalten.

Stefan Werth: Auch meine Erinnerungen sind durchweg positiv. Ich war mir während der Geburt immer sicher, dass Katja unsere Tochter ohne medizinische Hilfe zur Welt bringen würde. Die Hebamme war tatsächlich fast die ganze Zeit nur Zuschauerin.

Für wen ist Hypnobirthing geeignet?

Kerstin Todt: Generell für Frauen, bei denen bei der Geburt keine schweren Komplikationen zu erwarten sind, die keine Vorerkrankungen haben und ein gesundes Kind erwarten. Aber auch die persönliche Überzeugung und Fleiß spielen eine große Rolle, damit Hypnobirthing gelingen kann.

Katja Werth: Ich kann die Methode wirklich jeder Schwangeren empfehlen. Auch Zweitgebärende, die vielleicht keine guten Erinnerungen an die Geburt des ersten Kindes haben, können mit Hypnobirthing ein Baby mit positiven Erfahrungen zur Welt zu bringen. Sanfte Geburten können damit Wirklichkeit werden.

Experteninterview

Hebamme Jana Friedrich erzählt im Interview, welche Erfahrungen sie mit Frauen gemacht hat, die sich mit Hypnobirthing auf eine Geburt vorbereitet haben.

Foto: Jörg Sänger

Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.