"So ein Baby kann doch nichts"

Kolumne: Ein Satz und seine Folgen

alles wissen / 07. November 2017

Ein Kind hat zu jedem Zeitpunkt – auch schon direkt nach der Geburt – genau die Fähigkeiten, die es in seiner Erfahrungswelt braucht. Wer denkt, dass sich Babys vom Unfertigen zum Fertigen entwickeln, unterschätzt sie.

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Nora Imlau (34) ist Fachbuchautorin (z. B. „Mein kompetentes Baby“, Kösel Verlag), Mutter von drei Kindern und Vertreterin des bindungsorientierten Erziehungswegs Attachment Parenting. 

www.nora-imlau.de

Er lächelt! Sie robbt! Er dreht sich! Sie steht! Klar machen Eltern solche Fortschritte stolz. Doch Babys können noch viel mehr, und das von Anfang an: Sie wissen, wie viel Milch sie brauchen, was für gute Nächte und für einen entspannten Beikoststart nicht fehlen sollte. Ja, sie können uns sogar Bescheid sagen, wenn sie mal Pipi müssen! Das glauben sie nicht? Kein Wunder: In unserer Kultur ist das Wissen um die faszinierenden Fähigkeiten der Allerkleinsten weitgehend verloren gegangen. Doch es lohnt sich, sie wiederzuentdecken! 

Warme Milch und ganz viel Nähe

Beim Stillen geht es los: Gesunde Neugeborene können nach der Geburt ohne Hilfe zur Brust robben und dort zielsicher ansaugen – ohne Hilfe von außen. Auch wie viele Stillmahlzeiten sie brauchen, wissen Babys intuitiv: Sie trinken exakt so viel Milch, wie es gut für sie ist, und beherrschen außerdem bald die Kunst des Trinkens, ohne dass dabei viel Milch kommt – sehr praktisch, wenn sie an der Brust gerade vor allem Nähe tanken wollen. Zum Beispiel beim Einschlafen: Dass Babys da besonders kuschelig werden, ist kein Zufall. Sondern ihre Art, uns zu zeigen, wie sie besonders gut in den Schlaf finden. Mit warmer Milch und viel Nähe nämlich.

Buchtipp:

"Mein kompetentes Baby" (Kösel-Verlag)

Auch nach der Vollstillzeit bleiben Babys Experten für ihre eigene Ernährung: Sie spüren genau, wann sie reif sind für feste Kost, und zeigen ihren Eltern das deutlich, indem sie versuchen, ihnen die Nudeln vom Teller zu stibitzen. Das ist der Startschuss zum Essenlernen – ob mit fünf oder mit acht Monaten. Am einfachsten klappt der selbstbestimmte Beikoststart übrigens, wenn Babys aus einem gesunden Angebot selbst auswählen dürfen, was sie gerne mögen, wie das beim so genannten Baby-led Weaning passiert: Erst mit den Händen, später auch mit Löffel und Gabel essen Babys dabei von Anfang an am Familientisch mit – und siehe da: Sie entwickeln sich prächtig.

Und die Sache mit dem Pipi? Tatsächlich gibt es bis heute viele Kulturen, in denen Babys keine Windeln tragen – und ihre Eltern trotzdem nicht anpieseln. Warum? Weil Babys signalisieren, wenn sie mal müssen: Sie werden unruhig, gucken glasig, rufen. Einfach mal ausprobieren: unzufriedenes Baby nach dem Stillen oder Schlafen nackig übers Waschbecken halten und gucken, was passiert.

Wenn Eltern entdecken, was ihr winziges Baby schon kann, und auf seine Signale vertrauen, macht das den Familienalltag spürbar leichter. Kein Stress um die richtigen Stillabstände, keine Angst vor schlechten Einschlafgewohnheiten, kein Frust, weil das Baby schon wieder grundlos meckert. Stattdessen: Ganz viele Glücksmomente, in denen wir unser Baby immer besser verstehen und vor allem: genießen können.

Lesetipp:

Hintergründe zu Attachment Parenting im Online-Special: babywelt-webmagazin.de/ap

Foto: Malina Ebert, 
Illustration: Andrea Stitz