Hypnobirthing in der Praxis

„Mir fehlt der Realismus“

Michaela Senger / alles wissen / 07. November 2017

Hebamme Jana Friedrich erzählt im Interview, welche Erfahrungen sie mit Frauen gemacht hat, die sich mit Hypnobirthing auf eine Geburt vorbereitet haben.

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Was halten Sie von Hypnobirthing?

Ich finde es gut, dass Frauen bei dieser Methode ein positives Bild der Geburt vermittelt bekommen. Auch dass sich die Frauen mit Visualisierungen und Mut machenden Mantras auf die Entbindung vorbereiten, unterstütze ich. Problematisch finde ich, wenn in Hypnobirthing-Kursen ein negatives Bild von uns Hebammen und Ärzten in der Klinik vermittelt wird. Dabei rennen doch Frauen, die so natürlich wie möglich gebären möchten, bei uns offene Türen ein.

Was ist der Grund für dieses negative Bild?

Die Kursleiterinnen sind oft Mütter. Diese haben sich zwar entsprechend ausbilden lassen, verfügen aber nur über eine eingeschränkte Sicht auf das Thema, weil sie nur wenige Geburten selbst erlebt haben. Haben sie daran schlechte Erinnerungen, fließt das unweigerlich mit in die Kursinhalte ein.

Wie wirkt sich das im Kreißsaal aus?

Viele Paare bringen eine Liste mit, auf der steht, wie wir uns verhalten sollen und was die Frauen wünschen. Das ist ja erst einmal nicht verkehrt. Es ist immer gut zu wissen, was man will.  Die Listen sind aber oft so formuliert, dass es scheint, als ob die Frau zwar zu uns kommt, aber nicht von uns betreut werden möchte. Da werden dann schon mal Klinikroutinen wie ein CTG zu schreiben oder eine vaginale Untersuchung vehement abgelehnt. Frauen, die alles ganz natürlich und ohne viel Technik wünschen sind aber doch eigentlich am besten bei einer Haus- oder Geburtshausgeburt aufgehoben. Ich frage mich oft, warum sie dennoch in die Klinik kommen. Glauben sie am Ende doch nicht daran, dass es ganz normal funktioniert? Bei einer außerklinischen Geburt können die Wünsche viel besser erfüllt werden, als in der Klinik, wo die „Spielregeln“ viel strenger sind. Ich frage mich dann: Wie kann ich eine Frau gut unterstützen, der ich keine Vorschläge machen darf, die einen Plan im Kopf hat, der nicht bei jedem Geburtsverlauf gut funktioniert?

Welche Situationen können daraus entstehen?

Jede Hebamme freut sich über eine Schwangere, die so natürlich wie möglich entbinden möchte. Es ist der Kern unseres Berufs, sie dabei zu unterstützen. Da unterscheiden wir uns also überhaupt nicht vom Ansatz des Hypnobirthings. Aus Erfahrung wissen wir aber, dass eine Geburt auch immer eine ungeahnte Wendung nehmen kann, zum Beispiel wenn es zu einem Geburtsstillstand kommt. Das kann auch die beste Vorbereitung nicht verhindern. Und in solchen Fällen ist unsere Unterstützung notwendig. Leider sind Frauen, die Hypnobirthing in der Geburtsvorbereitung erlernt haben, dann oft nicht offen für unsere Vorschläge. Sie klammern sich zu sehr an den geübten Ablauf. Damit machen sie es sich unnötig schwer. Oft genug endet dann die Geburt nicht gut. Und das finde ich schade. Ein weiteres Problem ist, dass beim Hypnobirthing eine komplett andere Atemtechnik gelernt wird, als wir Hebammen vermitteln. 

Wie unterschieden sich die Techniken?

Wir empfehlen den Frauen, bei den Wehen auszuatmen. So wie beim Sport, da atmet man ja auch in die Anstrengung aus. Beim Hypnobirthing ist es genau umgekehrt. Man soll bei den Wehen einatmen, um gegenüber der Gebärmutter einen Gegendruck aufzubauen. Das Kind soll dadurch einen zusätzlichen Impuls erhalten, tiefer in den Geburtskanal zu rutschen. Diese Technik scheint zu funktionieren, entspricht aber nicht dem natürlichen menschlichen Atemreflex unter Anspannung. Deshalb müssen die Frauen die Atmung sehr intensiv üben und verinnerlichen. Natürlich kommt es im Kreißsaal dann zu Problemen, weil die Frau denkt, hier erzählen sie mir etwas total Falsches, das habe ich ganz anders gelernt.

Wie reagieren Frauen, wenn die Geburt anders verläuft, als vorher im Kurs besprochen?

Sind zum Beispiel die Wehenschmerzen doch sehr schmerzhaft und nicht, wie versprochen nur als eine Muskelanspannung wahrzunehmen, nehmen sie zwar eine PDA, sind dann aber hinterher enttäuscht von sich selbst. Viele Frauen machen sich Vorwürfe, denken, sie hätten etwas falsch gemacht oder vorher nicht genug geübt. Das ist schade und auch unnötig. Jede frische Mutter sollte stolz auf sich sein dürfen und nicht ein Versagensgefühl haben, nur weil sie eben ein Schmerzmittel in Anspruch genommen hat.

Wo sehen Sie beim Hypnobirthing das größte Problem?

Mir fehlt der Realismus. Nicht jede Geburt verläuft wie am Schnürchen. Deshalb finde ich es wichtig, dass im Vorfeld verschiedene Szenarien durchgespielt werden. Warum kann eine Geburt eine unerwartete Wendung nehmen? Wie gehe ich damit um? Kann es auch schön sein, wenn ich eine PDA bekomme? Welche Positionen können mir bei der Geburt helfen? Und nicht: So soll es ablaufen. Ich mache das, das, das. Und wenn es so nicht klappt, ist mein schönes Geburtserlebnis kaputt. Flexibilität ist für mich ein entscheidender Faktor für eine gute Geburt. Erfreulicherweise findet bei einigen Kursleiterinnen inzwischen ein Umdenken in diese Richtung statt. 

Wie sinnvoll ist es, sich vorher einen Geburtsplan zu machen?

In meinen Geburtsvorbereitungskursen rate ich den Frauen auch, sich im Vorfeld ihren Wunschablauf vorzustellen. Wie bei Sportlern, die ihren Parcours wieder und wieder im Geiste abgehen, steigt auch bei der Geburt die Chance, dass es dem sehr nahe kommt. Ich empfehle ihnen zum Beispiel, im Kreißsaal so viel wie möglich aufrecht zu sein, damit sie gut Luft bekommen. Auch Wünsche, so wenig Schmerzmittel wie möglich zu bekommen, verschiedene Geburtspositionen auszuprobieren und nicht ständig ein CTG mitlaufen zu lassen, sind völlig normal! Aber es reicht, wenn Frauen diesen ‚Plan’ im Kopf haben und der betreuenden Hebamme dann sagen, dass sie es so natürlich wie möglich wünschen. Dann wissen wir schon, was zu tun ist und was nicht.

Was empfehlen Sie Frauen noch?

Entspannungs- und Atemübungen sind auf jeden Fall hilfreich. Auch ich arbeite mit Bildern und gehe mit den Frauen den Ablauf durch, damit sie sich die Geburt gut vorstellen können. Außerdem empfehle ich ihnen, Sätze aufzuschreiben, die ihnen Mut machen. Diese sollen sich die Schwangeren überall in die Wohnung kleben und immer wieder lesen und verinnerlichen. Das funktioniert sehr gut, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Ich gehe mit den Frauen aber auch immer einen Kaiserschnitt durch. Die meisten sagen dann am Ende des Kurses: Jetzt bin ich richtig gut vorbereitet und gehe zuversichtlich in die Geburt.

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Foto: Jörg Sänger

Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.
Jana Friedrich ist Hebamme und zweifache Mutter aus Berlin. In ihrem Blog www.hebammenblog.de teilt sie ihr Wissen und ihre Erfahrung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett.