Im Interview

Zwei Papas und ihr Pflegekind

Julia Feldhans / gemeinsam glücklich / 07. November 2017

Ein gemeinsames Kind – für viele Paare ist das der größte Beweis ihrer Liebe. Für gleichgeschlechtliche Paare kann der Wunsch nach einem Kind auch ein großer emotionaler Kraftakt sein. Im Interview erzählen zwei Väter vom Suchen und Gefundenwerden.

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Ihr seid seit vielen Jahren ein Paar. Wann kam der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind auf? 

Thorsten: Als uns klar wurde, dass wir gemeinsam alt werden wollen! In dem Moment haben wir gespürt, dass in unserem Leben etwas fehlte. Die Sehnsucht nach einem Kind wuchs. Konkret wurden die Planungen 2010: Da waren wir seit mittlerweile sieben Jahren ein Paar – hatten die Höhen und Tiefen einer Beziehung gemeistert und standen kurz vor dem Heiratsantrag und wussten: Wir gehören für immer zusammen!

Wie haben eure Freunde und Familien reagiert, als ihr ihnen von eurem Kinderwunsch erzählt habt?

Micha: Zuerst haben wir es für uns behalten. Schließlich ist ein Kind kein einfacher Entschluss. Wir wollten erst für uns Klarheit haben. Die Reaktionen waren dann durchweg positiv: „Das habe ich mir schon lange gedacht!“, „Warum denn nicht früher?“ und „Das passt zu euch!“
Thorsten: Ehrlich gesagt, waren die Reaktionen für uns das geringste Problem: Viel mehr beschäftigte uns das Wie. Wie können wir Eltern werden? Wir haben etliche Modelle geprüft und genau so viele verworfen – z. B. eine Auslandsadoption oder Leihmutter. Ohne einen der beiden Wege zu verurteilen: Wir fühlten uns damit nicht wohl.

Erzählt doch mal: Wie sahen eure ersten Schritte aus, den Kinderwunsch in die Tat umzusetzen?

Micha: Wir haben uns erst mal im Internet informiert. Irgendwann stießen wir auf die Option Dauerpflege: Hier geben Eltern Kindern ein Zuhause, die eines brauchen. Den Gedanken fanden wir gut: Nicht wir suchen nach einem Kind, sondern ein Kind findet uns – seine Eltern.

Ihr habt euch dann intensiv mit dem Thema Dauerpflege auseinandergesetzt. Habt ihr euch hier gegenüber heterosexuellen Paaren gleichberechtigt gefühlt? 

Micha: Nein, anfangs nicht! Doch je intensiver wir uns mit dem Thema befassten, umso besser wurde das Gefühl – u. a. weil wir auf Studien stießen, die „Homo-Eltern“ als „nicht schlechter“ für das Kindeswohl erachteten als heterosexuelle. Irgendwann habe ich den Mut gefasst, das Jugendamt anzurufen. Nach zehn Minuten in einem sehr guten Gespräch sagte ich nicht mehr „wir“, sondern „mein Mann und ich“. Die Reaktion der Dame traf mich sehr: „Sie haben natürlich das Recht, sich zu bewerben, aber Ihre Unterlagen werden bei uns im Stapel immer ganz unten liegen!“ Das hat gesessen! Danach vergingen Jahre, bis meine Mutter einen Artikel über einen Pflegeelternverein fand und uns diesen auf den Tisch legte.  Kurz darauf hatten wir den ersten Termin und fühlten uns auf Anhieb wohl. Unsere Gleichgeschlechtlichkeit war dort kein Thema, dem man viel Aufmerksamkeit schenkte.

Mit dem Verein an eurer Seite habt ihr letztlich doch den Mut gefasst, die Dauerpflege für ein Kind zu beantragen. Wie lief dieser „Prozess“ ab? 

Micha: Tatsächlich kann man eine Dauerpflege nicht beantragen: Stattdessen wird man zur Eignung „grundsätzlich geprüft“. Bei uns hat das der Verein übernommen. Hier wurden zig Fragen – etwa zur Familienaufstellung – gestellt. Außerdem erhält man eine Schulung und wird bei einem Hausbesuch durch das Jugendamt als „geeignet“ eingestuft. Dann beginnt das Warten: Denn es wird nicht ein Kind für uns gesucht, sondern passende Eltern für ein Kind. Und das kann dauern. Wir mussten am Ende neun Monate warten, ehe wir von der vierjährigen L. erfuhren. 

Was bedeutet Dauerpflege?

Nach § 33 SGB VIII ist die Dauerpflege (auch: Vollzeitpflege) eine Form der Hilfe zur Erziehung eines Kindes außerhalb seiner Herkunfsfamilie. Gründe für die Unterbringung in einer Pflegefamilie können Misshandlung, Missbrauch oder eine langanhaltende Überforderungssituation der Eltern (z. B. aufgrund einer Suchtproblematik) sein. Fällt die Prognose, dass das Kind innerhalb eines vertretbaren Zeitraums in seine Herkunftsfamilie zurückkehren kann, negativ aus, ist das Jugendamt dazu verpflichtet, für das Kind eine dauerhafte neue Lebensperspektive zu schaffen – also einen Lebensraum zu finden, in dem es bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter altersgerecht, gut betreut und mit viel Liebe und Fürsorge aufwachsen kann. Eine Möglichkeit dazu stellt neben Adoption und Heimunterbringung die Dauerpflege dar. Dauerpflegeeltern übernehmen somit die „soziale Elternschaft“ und langfristig Erziehungsverantwortung des ihnen anvertrauten Kindes.

Lesetipp:

Als sie im Netz nach den Erfahrungen anderer Regenbogenfamilien suchten, lief Michas und Thorstens Suche ins Leere. „Das muss sich ändern“, beschlossen die zwei nach dem Einzug ihrer Tochter und gründeten diesen Instagram-Account: papa.papa.kind

Wie bereitet man sich und sein Heim auf die Ankunft eines neuen Familienmitglieds vor? Hat man schon eine Vorstellung davon, wie man als Eltern sein wird?

Micha: Ja, das hatten wir! Wir hatten ganz oft den Gedanken: „Wenn das Kind jetzt da wäre, was würden wir dann jetzt machen?“ Was wir bewusst nicht getan haben, war, das Zimmer einzurichten. Wir wussten anfangs ja nicht, „was“ es wird, und wie alt. Das Einzige, was wir im letzten Urlaub zu zweit gekauft haben, war ein Kuschel-Affe „für unser Kind“. Er ist ihr liebstes Kuscheltier.

Das erste Kennenlernen mit eurer Tochter L. fand im März 2016 stand. Wie verlief es?

Micha: Wirklich gut! Die Kleine ist schnell auf uns zugegangen und hat uns ins Spiel integriert. Für Pflegekinder ist das aber nicht untypisch: Sie spüren, dass da „was im Busch“ ist. Und sie würden gern mal irgendwo ankommen. Ich erinnere mich: Wir hatten ein Tier-Puzzle dabei. Das hat sie schnell gepuzzelt und die Tiere benannt: „Das ist der Kinder-Löwe, das ist der Papa-Löwe und da noch ein Papa-Löwe.“ Wir sind dahingeschmolzen.

Zwischen der guten Nachricht und dem Einzug eurer Tochter lagen sechs Wochen. Reichte diese Zeit? 

Micha: Es war durchaus aufregend: Wir trafen die Bereitschaftspflegeeltern, das sind Pflegeeltern, die die Zeit ab der Herausnahme eines Kindes aus seiner Familie bis zur Klärung des weiteren Vorgehens überbrücken, und das Kind mehrmals pro Woche auf dem Spielplatz. Eines Tages durfte uns das Mädchen dann zu Hause besuchen. Wenige Tage später zog sie schon ein. 

Wie verliefen die ersten Tage daheim? 

Micha: Sehr unproblematisch, was ebenfalls typisch für Pflegekinder ist: Das Kind verhält sich in der sogenannten „Anpassungsphase“ erst mal sehr angepasst, bis es genug Vertrauen fasst, um seinen „Rucksack mit der Vorgeschichte“ auszupacken – das kam dann später.

Wie fällt euer Fazit nach einem Jahr Elternsein aus? 

Thorsten: Es gab anfangs viele Probleme, die wir Stück für Stück und mit Geduld gelöst haben. Unsere Tochter L. hatte z. B. große Probleme damit, allein zu schlafen, sie hatte Angst zu duschen und zu baden, ging ungern aufs Klo und konnte sich nicht eine Minute allein beschäftigen. Das und vieles mehr sind heute keine Probleme mehr. Wir drei können stolz auf das sein, was wir bisher geschafft haben. 

Wie geht L. damit um, dass sie zwei Papas hat?

Micha: Für sie ist das absolut normal, dass sie zwei Papas und eine Mama, die eine super „Besuchs-Mama“ ist, hat. Dazu eine kleine Anekdote: Als sie das erste Mal eine alleinerziehende Familie, eine Mama mit Zwillingen, zum Spielen besucht hat, kam sie heim und meinte: „Papa, stell Dir vor: die haben nicht mal einen Papa.“

Ihr lebt als Familie auf dem Land. Stoßt ihr hier mit eurem Familienmodell auf viel Verständnis? 

Micha: Wir stoßen auf so viel Verständnis, dass es gar kein Thema ist: weder im Kindergarten noch auf der Straße. Dafür möchten wir unserem Dorf von Herzen danken. Das Einzige, was wir oft hören: „Bemerkenswert, wie sich die Kleine entwickelt hat.“ Wir empfinden das als wunderbar so: Denn eigentlich sind wir ja nichts Besonderes.

Möchtet ihr noch ein weiteres Kind aufnehmen?

Micha: Da geht’s uns nicht anders als anderen Eltern: Vielleicht, wenn das Kind „aus dem Gröbsten raus ist“. Aber momentan fordert L. unsere volle Aufmerksamkeit.
Thorsten: Das Leben mit unserem Kind bringt täglich Sonnenschein und Gewitter. Meist zeitgleich. Wir durchleben viele Phasen mit Höhen, aber auch Tiefen. Stück für Stück packen wir den Rucksack aus, den die Kleine mit sich trägt. Es ist uns sehr wichtig, jetzt erst mal die volle Konzentration auf ihre Bedürfnisse zu legen. 

Regenbogenfamilien

Kevin, Schauspieler und Blogger, hat mit seinem Mann vor zwei Jahren einen Pflegesohn adoptiert. In seinem Blog erzählt er aus ihrem Familienalltag mit all den großen und kleinen Glücksmomenten.

papapi.de/

Tino und sein Ehemann Per sind Eltern von Zwillingen, die von einer Leihmutter in den USA ausgetragen wurden. Auf Instagram berichtet er von ihrem Weg zur Familie.

www.instagram.com/tinoslife/

Anja und Nicole leben mit dem zweijährigen Valentin in Berlin-Kreuzberg. Auf ihrem Blog zeigen sie, wie herrlich normal es ist, dass ihr Sohn nicht nur eine, sondern zwei Mamas hat.

www.frauundfrauw.de/

Zwei Frauen und ein Baby. Lesen Sie ein spannendes Interview aus unserer letzten Ausgabe.

babywelt-webmagazin.de/regenbogen

Foto: papapapakind.de, privat

Julia Feldhans ist von Beginn an Teammitglied der babywelt-Redaktion. Besonders gern arbeitet sie sich in Themen rund um die Baby-Gesundheit und -pflege ein. Als große Schwester liebt sie es, Geschichten zu erzählen – vor allem die von Esel Emil und seiner Freundin Kiki.