Ursachen, Methoden, Chancen, Kosten

Künstliche Befruchtung

Michaela Senger / alles wissen / 18. Mai 2017

Für Paare, die sich Kinder wünschen, aber auf natürlichem Weg keine bekommen können, führt oft kein Weg an einer künstlichen Befruchtung vorbei. Welche Gründe und Ursachen hat ungewollte Kinderlosigkeit? Was für Methoden der künstlichen Befruchtung gibt es? Wie hoch sind die Erfolgschancen? Und was kosten die Behandlungen?

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Ursachen

Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland wünschen sich Kinder, haben aber keine, weil es auf natürlichem Weg nicht mit einer Schwangerschaft klappt. Bei 30 bis 40 Prozent der Betroffenen liegt eine biologische Störung bei einem der Partner vor. In 20 Prozent der Fälle sind beide Partner nur bedingt fruchtbar. In 10 bis 15 Prozent aller Fälle lässt sich keine organische Ursache für die Kinderlosigkeit feststellen.

Der häufigste Grund für Unfruchtbarkeit – sowohl bei Frauen als auch bei Männern – ist eine Infektion mit Chlamydien. Diese Bakterien werden durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen und können unter anderem zu einem Eileiterverschluss bei Frauen oder Nebenhoden- und Prostata-Entzündungen bei Männern führen.

Weitere Möglichkeiten für Fruchtbarkeitsstörungen:

  • hormonelle Probleme (z. B. kann eine Schilddrüsenfehlfunktion die Eizellreifung negativ beeinflussen)
  • organische Defekte oder Veränderungen der Eierstöcke und Eileiter, des Gebärmutterhalses sowie der Gebärmutter
  • Entzündungen, vorangegangene Eileiterschwangerschaften oder Operationen
  • Endometriose (Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut)


Der Grund für Unfruchtbarkeit bei Männern ist zumeist, dass nicht genügend intakte und bewegliche Samenzellen produziert werden.

Der Weg zum eigenen Kind

Auch bei einer künstlichen Befruchtung gilt: Je jünger die Frau, desto größer sind ihre Erfolgschancen, schwanger zu werden. Betroffene sollten deshalb:

  • rechtzeitig Rat bei einem Gynäkologen suchen und frühzeitig Kontakt zu einem Kinderwunschzentrum oder entsprechenden Spezialpraxen aufnehmen
  • sich frühzeitig für eine genaue Diagnostik entscheiden und mit einer passenden Therapie beginnen
  • nicht zu schnell aufgeben

Gesunde Lebensführung

Oft beeinflussen emotionale Belastungen, wie Erschöpfung und Stress, oder eine ungesunde Lebensweise die Fruchtbarkeit von Mann und Frau. Nikotin behindert beispielsweise die Durchblutung der Fortpflanzungsorgane und vermindert so die Chancen auf eine Schwangerschaft. Zudem kann übermäßiger Alkoholkonsum zu organischen Schäden führen.

Aufgrund eines hormonellen Ungleichgewichts sind sowohl bei stark über- als auch bei stark untergewichtigen Frauen Zyklusstörungen möglich, die eine Schwangerschaft verhindern können. Auch schwere körperliche Arbeit oder extreme sportliche Anstrengungen haben Einfluss auf den Hormonhaushalt von Frauen.

Stark übergewichtige Männer weisen häufig eine eingeschränkte Samenqualität auf.

Zuerst zum Hausarzt

Erste Anlaufstelle bei ungewollter Kinderlosigkeit ist für Männer der Hausarzt. Dieser überweist sie zumeist an entsprechende Fachmediziner, z. B. Urologen, die die Spermienqualität prüfen. Frauen sind zunächst bei ihrem Gynäkologen in guten Händen. Für umfassende Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten müssen Paare in der Regel spezielle Kinderwunschpraxen aufsuchen (www.wunschkind.de).

Künstliche Befruchtung – die Methoden

Der künstlichen Befruchtung gehen meist Hormonbehandlungen voraus, die den Körper der Frau optimal auf die jeweilige Behandlungsmethode vorbereiten.

Intrauterine Insemination (Samenübertragung)

Bei der Intrauterinen Insemination werden Samenzellen direkt in die Gebärmutter übertragen – meist, wenn der Partner zu wenige oder nicht ausreichend bewegliche Spermien hat.

In-vitro-Fertilisation (IVF)

Die In-vitro-Fertilisation (IVF) dauert mehrere Wochen: Nach einer Hormonbehandlung werden der Frau Eizellen aus den Eierstöcken entnommen und in einem Reagenzglas mit den Spermien des Partners vermischt. Erfolgt eine Befruchtung und entwickeln sich die befruchteten Eizellen weiter, werden wieder ein bis drei Embryonen in die Gebärmutter übertragen.

Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI)

Bei Paaren, bei denen beim Mann eine stark verminderte Samenqualität vorliegt, empfehlen Ärzte die sogenannte Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Sie wird ebenfalls angewendet, wenn mehrere IVF-Therapien und Samenübertragungen zu keiner Schwangerschaft geführt haben.
Die ICSI setzt eine Hormonbehandlung der Frau voraus, die die Eizellenreifung beeinflusst. Diese werden der Frau in einer kurzen Operation unter Vollnarkose aus den Eierstöcken entnommen. Anschließend erfolgt die Injektion von jeweils einer Samenzelle in eine einzelne Eizelle. Gelingen Befruchtung und Zellteilung, werden bis zu drei Embryonen in die Gebärmutter der Frau übertragen.

TESE und MESA

Wenn sich in der Samenflüssigkeit des Mannes keine Samenzellen befinden, kann in manchen Fällen Sperma direkt aus den Hoden (TESE) oder den Nebenhoden (MESA) gewonnen werden. Die anschließende künstliche Befruchtung erfolgt über die ICSI-Methode.

Kryokonservierung

Um das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft zu begrenzen, dürfen einer Frau in Deutschland pro Behandlungszyklus maximal drei Embryonen in die Gebärmutter übertragen werden. Sind mehr befruchtete Eizellen vorhanden, können diese im sogenannten Vorkernstadium mit einem speziellen Verfahren tiefgefroren werden (Kryokonservierung). Zu einem späteren Zeitpunkt ist es dann möglich, diese wieder aufzutauen und in die Gebärmutter der Frau zu übertragen. Die Chance auf eine Schwangerschaft beträgt etwa 20 Prozent pro Embryotransfer.

Embryonenschutzgesetz

Die Fortpflanzungsmedizin regelt in Deutschland das Embryonenschutzgesetz. Daneben haben die Bundesärztekammer sowie der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen Handlungsrichtlinien erlassen. In Deutschland sind die Bestimmungen sehr streng. Verboten sind beispielsweise

  • Verwendung fremder Eizellen,
  • Leihmutterschaften,
  • Klonen von Embryonen,
  • Geschlechterauswahl bei Spermien (außer bei schwerwiegenden geschlechtsgebundenen Erbkrankheiten),
  • Verwendung von Samen Verstorbener.

Erfolgschancen

Die durchschnittliche Erfolgsquote einer Samenübertragung liegt bei etwa 5 bis 10 Prozent pro Versuch. Nach mehreren Übertragungen tritt in etwa 10 bis 30 Prozent der Fälle eine Schwangerschaft ein. Nach Informationen des Deutschen IVF-Registers betrug die Schwangerschaftsrate nach IVF oder ICSI im Jahr 2015 pro Embryotransfer 31,9 Prozent. 72,7 Prozent der entstandenen Schwangerschaften führten zur Geburt. Das entspricht einer Geburtenrate von 20,5 Prozent pro begonnenem Behandlungszyklus und 23,5 Prozent pro durchgeführtem Embryotransfer. Die Fehlgeburtenrate lag bei 20 Prozent. Bei 6 Prozent der Schwangerschaften ist der Verlauf noch nicht bekannt.

Die Wahrscheinlichkeit, im ersten Zyklus OHNE medizinische Unterstützung schwanger zu werden, liegt bei einer 25-jährigen Frau bei durchschnittlich 23 Prozent. Bei einer 35-Jährigen sinkt die Erfolgschance auf 16 Prozent.
Im gleichen Maß, wie die Eizellenqualität und -anzahl mit zunehmendem Alter der Frau abnimmt, steigt die Fehlgeburtenrate altersabhängig an. Bei Frauen unter 35 Jahren liegt sie bei 17 Prozent. Nach dem 40. Geburtstag ist sie bereits doppelt so hoch.
Das Durchschnittsalter der Frauen, die in Deutschland eine künstliche Befruchtung durchführen lassen, ist seit 2012 stabil und liegt bei 35,2 Jahren (Männer: 38,6 Jahren).
Weltweit wurden bereits mehr als 5 Millionen Kinder nach IVF und ICSI geboren.
Über 2,5 Prozent aller lebend geborenen Kinder des Jahres 2014 wurden nach einer Befruchtung außerhalb des Körpers geboren. Das heißt: In einer großen Schulklasse sitzt (statistisch) ein Kind, das sein Leben einer „künstlichen Befruchtung“ verdankt.

Kosten

Eine künstliche Befruchtung ist nicht nur aufwendig, sondern kann auch mehrere Tausend Euro kosten. Die gesetzlichen Krankenkassen genehmigen derzeit in Deutschland drei ICSI-Versuche und übernehmen pro Versuch die Hälfte der Behandlungskosten. Dies gilt allerdings nur für verheiratete Paare. Ehefrau und Ehemann müssen vor Therapiebeginn mindestens 25 Jahre alt sein. Die Ehefrau darf bei Therapiebeginn das 40., der Mann das 50. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Außerdem müssen zwei Spermiogramme im Abstand von 12 Wochen vorliegen, die bestimmte Kriterien erfüllen.

Paare ohne Trauschein erhalten vom Bund einen Zuschuss zu den Behandlungskosten: für die erste bis dritte beträgt dieser bis zu 12,5 Prozent und für die vierte bis zu 25 Prozent des Eigenanteils. Für privat versicherte oder gemischt versicherte (ein Partner gesetzlich versichert, der andere Partner privat versichert) Paare gelten andere Regelungen bezüglich der Kostenübernahme. Es lohnt sich deshalb, im Vorfeld bei den eigenen Krankenkassen nach der Beteiligungshöhe zu fragen.

Quellen: Informationsportal Kinderwunsch, Deutsches IVF-Register


Fotos: Johner Images/gettyimages, Edward Carlile Portraits/Moment Select/gettyimages

Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.