Interview mit einem Facharzt

Wie groß ist die Zeckengefahr?

Michaela Senger / gesünder leben / 19. Mai 2017

Sie zählen zu den gemeinsten Quälgeistern der schönsten Zeit des Jahres: Zecken. Wie gefährlich ein Biss wirklich ist? Das und noch viel mehr erklärt Michael Achenbach, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, im Interview.

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Was raten Sie Eltern, die sich aus Angst vor Zeckenstichen schwertun, ihr Kind an Waldausflügen der Kita teilnehmen zu lassen?

Achenbach: Unbeschwertes Spielen im Gras, auf Wiesen und im Wald sollte Teil der Kindheit sein. Wer seinem Kind aber zum Beispiel eine Strumpfhose anzieht, die Hose in Socken steckt und einen Hut oder eine Mütze aufsetzt, verringert die Wahrscheinlichkeit, dass Zecken unbemerkt an der Haut entlangkrabbeln. Im heißen Sommer ist das natürlich nicht einfach umzusetzen. Deshalb ist es in dieser Zeit besonders wichtig, dass Eltern ihr Kind nach dem Spielen im Freien sofort gründlich nach Zecken absuchen.

Wo stechen Zecken am liebsten zu?

Achenbach: Zum Einstechen suchen sie sich am liebsten warme Körperregionen, etwa unter den Achseln, in den Kniekehlen, an den Leisten, in der Pofalte, im Nacken sowie am Kopf zwischen den Haaren oder hinter den Ohren. Beim Absuchen sollten Eltern deshalb diese Stellen nicht vergessen. Finden sie eine Zecke, ist dies kein Grund zur Panik. Die Tiere lassen sich ganz einfach mit einer Zeckenzange, Zeckenkarte oder notfalls auch mit einer Pinzette aus der Haut ziehen. Ein Arzt muss deshalb nicht aufgesucht werden.

Wie gefährlich sind Zeckenstiche für die Gesundheit von Babys und Kleinkindern?

Achenbach: Der Zeckenstich an sich ist ungefährlich. Er verursacht nur eine kleine Hautverletzung. Diese kann sich zwar entzünden, das eigentliche Risiko besteht aber darin, dass die Zecke nach dem Stich infektiösen Speichel in die Haut des Menschen abgeben und Krankheitserreger übertragen kann.

Welche Erreger sind das?

Je nach Region (Risikogebiete) sind bis zu 25 Prozent der Zecken mit Borreliose infiziert. Deutlich seltener übertragen Zecken die sogenannte Frühsommermeningoenzephalitis (FSME). Diese Viren tragen in Risikoregionen nur bis zu 3 Prozent der Tiere in sich. Sowohl Borreliose als auch FSME sind von Mensch zu Mensch nicht ansteckend.

Michael Achenbach

Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit eigener Praxis in Plettenberg

Wie lassen sich Symptome von Borreliose und FSME erkennen?

Achenbach: Borreliose-Erreger können ca. sieben Tage nach dem Einstich die begrenzte Wanderröte (kinderaerzte-im-netz.de) auf der Haut hervorrufen. Wird sie als Symptom nicht erkannt, können dauerhafte Schäden an Herz, Nervensystem oder Gelenken auftreten. Ich empfehle Eltern deshalb, sofort zum Kinder- und Jugendarzt zu gehen, wenn sich einige Tage oder Wochen nach einem Zeckenstich um die betroffene Hautstelle eine Rötung zeigt. Dieser wird nach genauer Untersuchung ggf. ein Antibiotikum verschreiben, das die Erreger bekämpft. Im Schnitt beträgt die Wahrscheinlichkeit für Erwachsene und Kinder, sich nach einem Zeckenstich mit Borreliose zu infizieren, allerdings nur 1,5 bis 6 Prozent. Bei Kindern verläuft eine Infektion zudem meist leichter als bei Erwachsenen.

Anzeichen von FSME sind grippeähnliche Beschwerden und Fieber, die ca. 7 bis 14 Tage nach dem Stich auftreten können. Jedes Jahr werden in Deutschland ca. 300 Erkrankungen gemeldet. In seltenen Fällen kann das Virus unter anderem zu einer Hirnhautentzündung führen. Eine Therapie existiert bislang nicht. Wer aber auf Nummer sicher gehen möchte, kann sich und seine Kinder impfen lassen und so gegen FSME schützen.

Für wen ist die Impfung empfehlenswert?

Achenbach: Sie ist zwar schon für Kleinkinder ab einem Jahr möglich, aber sie macht nur für Kinder Sinn, die in Risikoregionen leben oder sich dort – etwa im Urlaub – in der Natur aufhalten.

Infektionen durch Zeckenstiche: Weitere Informationen zur Zeckengefahr für Kleinkinder und wie Sie sich und die Kleinen am besten schützen.

Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.