Ein Drama in vier Wochen

Mama hat das Wort

Farina Schmidt-Degenhard / gemeinsam glücklich / 07. November 2017

 

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Zwei ist nicht das beste Alter, um ein Kind in die Fremde zu schicken. Zumindest nicht in unserem Fall. Die Tochter ist zu alt, um neue Situationen unbedarft anzunehmen und zu jung, um zu verstehen, dass sie klar umgrenzt sind. Oder anders: Wäre sie eins, kriegte die Erzieherin sie beim morgendlichen Abschied womöglich allein mit guter Laune von mir losgeeist. Wäre sie drei, hätte man vielleicht Zugang zu ihrer Einsicht und könnte ihr glaubhaft vermitteln, dass es bald wieder nach Hause geht. Sie ist aber zwei und zudem eher vorsichtig und abwartend und das macht die Kita-Eingewöhnung zu einem nicht ganz einfachen Gesamtpaket.

Ich: Gekommen, um zu spielen

Wir sind mit vier Wochen Eingewöhnung ins Rennen gegangen. Verschwenderisch viel Zeit, dachte ich. Am ersten Tag saß ich in der Gruppe, war umgeben von zauberhaften Kindern, die mir Teetassen anreichten, Pferde zum Streicheln hinhielten und mir sämtliche aufgekratzte Mückenstiche einzeln vorstellten. Es war ein großer Spaß. Meine Tochter saß neben mir, war zufrieden und kam nicht auf die Idee, sich zu entfernen und die Umgebung zu erkunden. Das ging den Rest der Woche so und schließlich meinte die Erzieherin zu mir: „Sie spielen zu viel. So hat das Kind ja keinen Anreiz, sich zu lösen. Werden Sie endlich langweilig.“ So verschanzte ich in der zweiten Woche mein Gesicht hinter einem Buch. Die Tochter saß weiterhin neben mir, interessierte sich für kein Spielangebot und wollte ich mich probehalber wegbewegen, protestierte sie sofort. Ich ahnte, dass pure Langeweile nicht reichen würde. In der dritten Woche riet die Erzieherin, ich sollte im Eingangsbereich sitzen und dem Gruppenraum fernbleiben. Das Kind zog an mir und traute sich allein nicht fort. Mehrere Tage lang pendelte es zwischen der Tür zum Spielzimmer und mir und konnte die Schwelle einfach nicht überqueren. In Kürze würde ich wieder arbeiten gehen, bis dahin musste das Kind es schaffen. Bloß wie?

Sie: Einfach supersauer

In Woche vier wurde die Erzieherin verbindlich und schloss die Tür zwischen uns. Das war neu. Ich hörte die Wut des Kindes. Es war nicht traurig oder verzweifelt, es war supersauer. Es wütete und brüllte, ich saß auf meinem Stuhl und fühlte mich schrecklich. Doch als die Tochter nach ein paar Minuten merkte, dass diese Tür wirklich verschlossen bleibt, wurde sie still und schaute sich um. Schließlich nahm sie eine Tasse, legte einen kleinen Ball hinein und tat, als würde sie Eis essen. Sie hatte den Weg ins Spiel gefunden. So blieb es noch einige Zeit: Beim Hinbringen gab es diese Wut und dann gab es das Spielen. 

So war der Start in ihr Kita-Leben. Vielleicht nicht der einfachste, vielleicht nicht der schmerzloseste, aber am Ende hielt sie ein Plastikeis in der Hand und war mittendrin. Ich kehrte beruhigt zurück an meinen Arbeitsplatz und da hatte es sich mit der Langeweile dann auch schnell wieder erledigt.

Foto: Nenov/Moment/gettyimages, 
Illustration: Andrea Stitz

Farina Schmidt-Degenhard ist Chefin vom Dienst in der babywelt-Redaktion und gerade mit ihrer zweiten Tochter Martha in Elternzeit. Doch ihr großes Talent zum Schreiben und ihre Erfahrungen als zweifache Mutter machen sie gleichzeitig zu einer unverzichtbaren babywelt-Redakteurin und Kolumnistin.