Der Hebammenmangel und seine Folgen

Guter Hoffnung?

Michaela Senger / gemeinsam glücklich / 08. November 2017

Geburtsstationen schließen, die Zahl fest angestellter Hebammen sinkt, die Geburtsrate steigt. Was bedeutet das für die Hebammen selbst und für Eltern, die sich eine sichere Geburt wünschen?

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Warum und woran es fehlt

Situation der Hebammen und Kliniken

Vor 26 Jahren gab es in Deutschland 1.186 Kliniken, in denen Geburten möglich waren. 2014 waren es nur noch 725. Seitdem schließt fast jeden Monat eine ganz oder vorübergehend ihre Türen – so zeigt es die Landkarte der Kreißsaalschließungen auf unsere-hebammen.de. Auch die Gründe, warum nur noch jede dritte Klinik Geburtshilfe anbieten kann, werden hier genannt. Neben fehlender Wirtschaftlichkeit ist der Mangel an Fachpersonal, vor allem an Hebammen, die Ursache für diese Situation. Viele Stellen werden seit Jahren nicht nachbesetzt. Und die, die in ihrem Beruf arbeiten, haben mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen.

Der Deutsche Hebammenverband hat rund 1.700 Hebammen in Kliniken zu ihrer Arbeitssituation befragt: 95 Prozent von ihnen betreuen häufig zwei oder sogar mehr Geburten parallel. Eine 1:1-Betreuung der Frau ist kaum noch möglich. Mit Doppelschichten, ohne Pausen, aber vielen Überstunden versuchen sie, die Personalengpässe auszugleichen. Martina Klenk, Präsidentin des Verbandes, findet deutliche Worte: „Qualität und Sicherheit in der Geburtshilfe ist nur mit ausreichend Personal möglich.“ Und all das bei steigender Geburtenrate: 2015 wurden 23.000 mehr Kinder als im Jahr zuvor geboren. Fakt ist: Es gibt zu wenige Hebammen, selbst wenn die Arbeitsbedingungen besser wären. Die Fälle von Frauen, die kurz vor der Entbindung das Krankenhaus wechseln mussten, weil kein Kreißsaal frei war, häufen sich. Ebenso die Berichte von Geburten, die bestenfalls im Krankenwagen, manchmal aber auch im eigenen Auto stattgefunden haben.

Was man selbst tun kann

Tipps und Initiativen für Schwangere

Dass Eltern vor der Geburt einfach nur „guter Hoffnung sind“ – so wie es die Redensart sagt –, ist angesichts der sich seit einigen Jahren abzeichnenden Lage in der Geburtshilfe gar nicht so einfach. Das Gefühl, keine Hebamme für die individuelle Betreuung – ob während der Geburt oder für die Nachsorge – zu bekommen, den Geburtsort nicht frei wählen zu können oder in kritischen Situationen allein gelassen zu werden – all das erzeugt Stress. Aber ist das angesichts des Hebammenmangels überhaupt vermeidbar? Für die Nachsorge gilt: ab positivem Test eine Hebamme suchen! Wochenbettambulanzen können die persönliche Betreuung kaum ersetzen.

Und während der Geburt? „Bei unzureichender Betreuung unter der Geburt haben Eltern im Moment kaum Gestaltungsmöglichkeiten, weil es zu wenig Personal gibt“, sagt Hebamme und Autorin Anja Constance Gaca aus Berlin, „Eine Beschwerde hinterher ist wichtig, nützt aber in der akuten Situation nichts.“ Der Deutsche Hebammenverband rät Schwangeren, für ihre Rechte einzustehen und beim Infoabend im Kreißsaal zu fragen: „Wenn ich mir diese Klinik aussuche, kann ich mich darauf verlassen, dass immer, wenn ich eine Hebamme brauche, auch eine Zeit für mich hat?“ Dieses Versprechen, z. B. von der Klinikleitung einzufordern, ist eine Möglichkeit, zu zeigen: Ohne Hebammen geht es nicht! Auch das Engagement in Protestgruppen wie Mother Hood e. V. unterstützt Hebammen. Ein Garantieschein ist all das aber nicht. Ein verbindlicher Personalschlüssel für die Geburtshilfe und ein Vergütungssystem, das natürliche Geburten besser honoriert, schon.

unsere-hebammen.de

 

Foto: Catherina Delahaye/Taxi/gettyimages; -ELIKA-/iStock/Getty Images Plus
Illustrationen: Miriam Frömming

Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.