Themen Ausgabe 4 / 2016

Unsere Hebammenreportage

Zu Hause in zwei Welten

Nele Bruns / gemeinsam glücklich / 14. November 2016

Morgens bloggt und kommentiert sie einen neuen Geburtsbericht, abends zeigt sie im Vorbereitungskurs werdenden Eltern die richtige Atemtechnik: Jana Friedrich ist seit 17 Jahren Hebamme, seit 5 Jahren mit eigenem Blog.

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Als ich meine Hebammenausbildung begann, herrschte in den Kreißsälen eine angespannte Stimmung. Wir Hebammen waren mit Kittel, Mundschutz, Häubchen und Handschuhen fast komplett verhüllt. Die Betten zur Tür gedreht – mit direktem Blick auf das Geschehen. Oft waren bei den Geburten bis zu fünf Leute anwesend. Damals war es total üblich, dass wir die Frauen immer auf den Rücken legen und sie zum Pressen anleiten sollten. Na ja ehrlich gesagt, haben wir sie regelrecht angeschrien: „Und jetzt pressen!“ Dabei weiß man ja, dass der Drang zu pressen von ganz allein kommt.

Nach meinem Examen bin ich erst noch eine Weile in der Klinik geblieben. Ein paar Kolleginnen und ich waren total motiviert, gemeinsam mit den Frauen Neues auszuprobieren – zum Beispiel eine aufrechte Geburtsposition. Aber wir wurden auch belächelt.

Die Impulse kamen aus der Hausgeburtshilfe, die sich immer weiter verbreitete. Aber damals wie heute entbinden fast alle Frauen in einer Klinik – es war also an der Zeit, auch hier die Geburten schöner zu gestalten. Langsam verschwanden die grünen Kacheln aus den Kreißsälen, statt Vorhängen zwischen den Betten gab es Wände und auch auf den Wochenbettstationen wurde vieles besser. Lange war es ganz normal, dass die Neugeborenen in Kinderzimmern lagen und den Frauen nur zum Stillen gebracht wurden. Auch damit war es bald vorbei.

Das ganze Paket

Ich wurde dann selbst schwanger und wechselte in eine kleinere Klinik. Schnell habe ich dann auch die Wochenbettbetreuung zu Hause und Schwangerschaftsvorsorge angeboten. Dieses Denken, die Frauen vom Beginn der Schwangerschaft, über die Geburt und auch noch die erste Zeit danach zu betreuen, war damals noch nicht weit verbreitet. Auch das kam aus der außerklinischen Geburtshilfe – die ich übrigens selbst nie gemacht habe. Zumindest nicht als Hebamme.

Als Mutter schon, denn mein Sohn kam zu Hause auf die Welt. Meine beeindruckendste Geburt war eine Beckenendlage, die wir bis kurz vor der Entbindung nicht als solche erkannt haben. Es war alles ganz normal, beim letzten Ultraschall ein paar Stunden zuvor war der Kopf noch unten. Es war nachts und ich war ganz alleine im Kreißsaal. Die Frau wollte in der Wanne entbinden. Als die Presswehen kamen, rief ich die Ärztin. Ich erinnere mich genau daran, wie wir am Wannenrand saßen, in das glänzende Wasser schauten und beide im gleichen Moment sagten: „Da kommt kein Kopf, sondern der Po!“ Wir haben es noch geschafft, der Frau aus der Wanne zu helfen. Im Bett konnte ich das Kind dann gut aus der Beckenendlage entwickeln. Das war echt eine Herausforderung und ich war sehr stolz und glücklich, dass alles gut ging.

Im Moment begleite ich keine Geburten mehr, sondern biete Vor- und Nachsorgen an und gebe Geburtsvorbereitungskurse für Paare. Heute kommen fast immer die Partner mit zur Geburt, da finde ich es wichtig, dass beide gut vorbereitet sind. Wenn der Mann weiß, was seine Frau möchte und an sie glaubt, kann er sie am besten unterstützen. Männer stellen schon andere Fragen und sind überrascht, wie viel man über diese Themen erfahren kann. Manche sind erst kritisch und haben die alten Vorstellungen vom „Hechelkurs“ im Kopf. Oft höre ich im Anschluss, dass sie von solchen Dingen doch gerne mehr erfahren hätten – weil es etwas handfestes ist, etwas, an das sie die Frau bei der Geburt gut erinnern können. 

Familien mit Bauchgefühl

Wenn das Baby da ist und ich bei meinen Wochenbettbesuchen merke, dass es schon eine richtige kleine Familie geworden ist, freue ich mich sehr. Für mich ist es eine große Ehre, so nah an den Familien dran zu sein. Ich versuche immer herauszufinden, was sie brauchen und wo ich individuell unterstützen kann. Es gibt ja nicht nur einen Weg.

Heute geht die Hebammenbetreuung weit über das Medizinische hinaus. Da wird man schon früh zu Erziehungsthemen gefragt. Ein Klassiker ist beim Erstgespräch die Aussage: „Unser Kind soll auf keinen Fall in unserem Bett schlafen.“ Ich sage dann da erst mal gar nichts zu und fange langsam an, aus der Sicht des Kindes zu erzählen. Es ist wichtig, dass Eltern lernen, sich in das Kind hineinzudenken und schon in der Schwangerschaft Kontakt aufnehmen. Im Wochenbett ist es dann oft so, dass doch fast alle Kinder im Elternbett schlafen – dann geht es nur noch darum, den Schlafplatz sicher zu machen. Sobald man sich nach vielen Monaten wirklich gut kennt, beginnt auch schon der Abnabelungsprozess. Mein Ansatz ist es, dass Eltern ihr eigenes Bauchgefühl entwickeln und sich nicht von mir als Hebamme abhängig machen.

In den Gesprächen mit jungen Eltern und Schwangeren werde ich immer wieder damit konfrontiert, dass sie Informationen aus dem Internet haben. Ich finde es ja schön, wenn sich Frauen gegenseitig unterstützen – aber was man da so liest, ist teilweise schon abenteuerlich. Das ist manchmal wie Medikamente tauschen – dass was mir geholfen hat, klappt bestimmt auch bei dir. Und weil sich schreckliche Geschichten ja auch immer besser verbreiten als gute, stehen viele Horrorerlebnisse und gefährliches Halbwissen im Netz – das man nur schwer wieder aus den Köpfen herausbekommt. Lest nicht so viel im Internet! – sage ich dann immer. Aber mir ist auch klar, dass es nicht aufzuhalten ist. Und so trat ich die Flucht nach vorne an und gründete unter www.hebammenblog.de meinen eigenen Blog.

Ich möchte dazu beitragen, gute und richtige Informationen zu verbreiten – so wie in meinen Kursen und Gesprächen in der „echten Welt“ auch. Inzwischen haben mein Mann Boris und ich aus dem Blog heraus viele weitere spannende Projekte erarbeitet. Ich möchte mit meinen Texten dazu ermutigen, ein gesundes Selbstbewusstsein in Bezug auf Schwangerschaft und Geburt zu entwickeln. Es ist ein natürlicher Prozess, bei dem nicht nur schaurig-schreckliche Dinge passieren. Mein Blog soll ein Gegenpol zu dem vorherrschenden medizinisch-technischen Defizitdenken sein – übrigens ohne strengen Redaktionsplan. Meine Botschaft: In der Schwangerschaft und bei einer Geburt ist nicht alles schicksalsbestimmt. Vieles kann man selbst beeinflussen.

Hebamme digital

Der Hebammenblog

Jana Friedrichs Wissen und ihre langjährige Erfahrung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett teilt sie seit fast fünf Jahren auf www.hebammenblog.de. Hier finden Leser bewährte Tipps für den Alltag als (werdende) Eltern, Infos zu typischen Beschwerden und wertvolles Fachwissen aus der Berufspraxis. Eine besonders beliebte Rubrik sind die von Frauen eingeschickten Geburtsberichte, die die Hebamme kommentiert und fachlich einordnet. Der Blog hat 150.000 Leser monatlich. 

 

„Das Geheimnis einer schönen Geburt” als E-Book* 

Auf über 160 Seiten entschlüsselt Jana Friedrich in ihrem E-Book das Geheimnis einer schönen Geburt. Viele hilfreiche Tipps, wichtige Fakten und konkrete Hilfestellungen sollen die Frau dazu befähigen und ermutigen, die Geburt als etwas Positives anzunehmen und zu erleben. Dazu hat sie hilfreiche Arbeitsblätter, Wunschlisten, Fragebögen und eine Checkliste für die Kliniktasche erarbeitet. In einem Extrakapitel erfährt der Partner, wie er die Frau während der Geburt unterstützen kann.

Exklusiv für babywelt-Clubmitglieder: Erhalten Sie 25 Prozent Rabatt auf den Download des E-Books durch Eingabe des Codes ebook-m25 auf www.hebammenblog.de/babywelt/webmagazin-ebook

Eine kostenlose Leseprobe gibt es auf www.rossmann.de/leseprobe-ebook

 

Die Telefonberatung

„Kann ich dich mal was fragen?“ – Ja, gerne! Jana Friedrich kann man auch anrufen. Das telefonische (kostenpflichtige) Beratungsformat der Hebamme ersetzt natürlich keine persönliche Betreuung und hat auch nicht den Anspruch, eine durch politische Versäumnisse entstandene Lücke zu füllen. 

 

Der Online-Shop

Tees, Geschenkideen, kleine Helfer und viel mehr: im OnlineShop gibt es Produkte, die sich bei den von Jana Friedrich betreu­ten Familien bewährt haben. Persönliche Anwendungstipps kommen als Beipackzettel mit ins Päckchen. shop.hebammenblog.de

 

Foto: Jörg Sänger

Nele Bruns ist Chefredakteurin des babywelt-Elternmagazins. Ihre Töchter Leni (5) und Emma (17 Monate) liefern ihr täglich die besten Inspirationen für neue Geschichten aus dem Familienleben. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dabei ein ständiger Begleiter.