Ein Erziehungsweg, der alles verändern kann

Attachment Parenting

Nele Bruns / gemeinsam glücklich / 02. März 2017

Sind das nicht diese langzeitstillenden Öko-Tanten, die mit ihrer verwöhnten Kinderschar und einem frustrierten Ehemann in einem Bett schlafen und nichts von Windeln, Kita und Kinderwagen halten? Schade, wer Attachment Parenting so sieht, verpasst das Beste. Vielleicht sogar eine Revolution.

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Wer verstehen möchte, was Attachment Parenting ist, hat viel zu lesen. Familien, die auf ihren Blogs Einblicke in ihren bindungsorientierten Alltag geben, Experten, die evolutionsbiologische Hintergründe erforschen, Autoren, die die „neue“ Erziehung in einen kulturhistorischen Zusammenhang bringen. All das ist gut und wichtig. Manchmal aber auch kompliziert. Dabei möchte Attachment Parenting vor allem eins sein: einfach und natürlich. Und kein Patentrezept mit Garantieschein.

Motto: Beziehung statt Erziehung

„Attachment Parenting ist total einfach!“, sagt auch Autorin Nora Imlau, die ab dieser Ausgabe eine eigene babywelt-Kolumne zum Thema schreibt. „Alles, was Eltern dafür tun müssen, ist, ihrem Baby beim Stillen, Tragen und in der Nacht viel Nähe zu geben und es nicht schreien zu lassen – alles andere findet sich!“ Diese Verhaltensweisen sind Zutaten, mit denen Eltern ihren Kindern den Weg ebnen können, aber nicht nach einem festen Schema. Zutaten, von denen sich jeder das nimmt, was zu ihm passt. Was aber elementar ist: Jedes Kind braucht Bindung – egal wo und wie es aufwächst. Ein Kind, dessen Bedürfnisse gestillt werden, das Zuwendung, Trost und Ansprache erfährt, spürt Sicherheit. Bindung entsteht durch emotionale Erfahrungen. Genauso wichtig ist aber auch die Freiheit, die Welt auf den eigenen Beinen zu erkunden – mit dem Wissen, dass immer jemand da ist.

Das amerikanische Ehepaar Dr. William Sears und Martha Sears – er Kinderarzt, sie Krankenschwester und Stillberaterin – hat den Begriff Attachment Parenting vor ca. 20 Jahren geprägt. Letztlich liegt ihm nichts anderes als die Überzeugung zugrunde, dass Babys ihre Bedürfnisse von Geburt an mitteilen. „Unser Job als Eltern ist es, diese Bedürfnisse zu lesen und bestmöglich zu erfüllen, und dabei auch gut auf uns selbst zu achten.

Attachment Parenting steht für eine Balance der Bedürfnisse – was für ein schönes Ziel für ein gelingendes Familienleben!“, sagt Nora Imlau. So sehen es viele Eltern, die für die bindungsorientierte Erziehung in Deutschland gute Bedingungen vorfinden. Die Chancen stehen gut, dass sich so die Elternschaft grundlegend verändern kann.

So sehen es viele Eltern, die für die bindungsorientierte Erziehung in Deutschland gute Bedingungen vorfinden. Eine Trage gehört heute für die meisten zur Erstausstattung, genau so selbstverständlich steht das Baby-Beistellbett in ihrem Schlafzimmer. Viele leben und erziehen ihre Kinder schon bindungsorientiert, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Sie sehen das Bedürfnis ihrer Kinder nach Liebe und Nähe am Tag und in der Nacht, nehmen es ernst und erfüllen es, so gut sie können.

Kritikpunkt: Eltern vor dem Burn-Out

„Ist das nicht alles furchtbar anstrengend?“ – Eine Frage, die bindungsorientierte Eltern oft hören. „Klar muss man sich darauf einlassen und vielleicht auch an sich arbeiten“, sagt Expertin Nora Imlau. „Aber das ständige Aushandeln zwischen ‚Was brauchst du?‘ und ‚Was kann ich dir geben?‘ bringt uns auch in unseren persönlichen Beziehungen weiter. Attachment Parenting ist ein Gewinn, eine Lebensschule, die alle bereichern kann.“
Kritikpunkt: Club der Bessermacher

Attachment Parenting ist nur etwas für elitäre Eltern – den Vorwurf gibt es auch. Eltern, die sich in Details verlieren und endlos darüber debattieren, welches die beste Trage oder die ökologischste Wickelmethode ist. Was hilft: einen Gang runterschalten. Gut ist, was uns gut tut – dieses Motto macht es allen leichter.
Kritikpunkt: Alles geben, nichts nehmen?

Wer konsequent die Bedürfnisse seiner Kinder erfüllt, bleibt selbst auf der Strecke. Nicht selten geraten Eltern im Perfektionswahn in diese Falle. Wenn man Attachment Parenting aber richtig versteht, stehen die Bedürfnisse und Grenzen der ganzen Familie im Mittelpunkt und werden nach den individuellen Möglichkeiten erfüllt. Pausen sind wichtig. Wer lernt, sich Hilfe zu holen und sich zurückzunehmen, schöpft Kraft für anstrengende Zeiten. Die kennen übrigens alle Eltern – egal wie sie erziehen.
Kritikpunkt: Meinungen statt Fakten

Und wo bleiben die Beweise? Zu dem Thema wird spätestens seit den 1950er-Jahren ausgiebig geforscht, denn da begründete der englische Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby die Bindungstheorie. Auch das deutsche Forschungspaar Klaus und Karin Grossmann hat gesicherte Erkenntnisse aus mehr als 30 Jahren Forschung: „Kinder, die wissen, dass sie sich auf ihre Eltern und ihre Bindungspersonen verlassen können und deren Bedürfnisse konsequent und altersgerecht erfüllt werden, sind ausgeglichener, konzentrierter und lernfähiger. Auch als Erwachsene sind sie psychisch stabiler als Kinder, die sich allein gelassen fühlen.“

Die kulturellen Hintergründe

In Amerika, dem Herkunftsland der Attachment-Parenting-Bewegung, sah und sieht das noch ganz anders aus. Hier sind viele der Überzeugung, ein Kind werde ohne Formung der Eltern zu einem unberechenbaren Tyrannen. In weiten Teilen des Landes herrscht noch ein Erziehungsbild aus den 1950er-Jahren, inkl. zweifelhafter Erziehungsmaßnahmen. Nicht nur, dass generell wenig Körperkontakt zwischen Eltern und Kindern stattfindet, das Schlagen ist in vielen Bundesstaaten immer noch nicht verboten. Vor diesem kulturellen Hintergrund und auf Grundlage verschiedener Ergebnisse aus der Bindungsforschung entwickelte Dr. William Sears unter der Bezeichnung „Attachment Parenting“ eine Gegenbewegung. Damit alle ein Bild davon haben, wie  Attachment Parenting in der Praxis aussehen kann, brach Sears seine  Philosophie herunter auf sieben Bausteine:

  • Bindung bei der Geburt
  • Stillen
  • Babytragen
  • Gemeinsames Schlafen
  • Gleichgewicht und Grenzen
  • Glaube an das Weinen des Babys
  • Vorsicht vor Babytrainern

Im Englischen haben die sieben Punkte alle ein „B“ als Anfangsbuchstaben und lassen sich so griffig als „die sieben Baby Bs“ zusammenfassen. Diese sind aber keinesfalls als Checkliste zu verstehen, nach dem Motto: Wer alle sieben Punkte erfüllt, ist die bessere Mutter. „Das Schreienlassen ist für den bindungsorientierten Erziehungsweg ein No-Go, aber nicht stillende Mütter können durchaus Attachment Parenting leben“, sagt Fachbuchautorin Nora Imlau. Es geht darum, die bindungsfördernden Dinge zu unterstützen und, wenn nötig, an anderen Schrauben zu drehen. Und so kann es durchaus bindungsorientiert sein, abzustillen – wenn die Mutter für sich herausgefunden hat, dass es das Stillen selbst ist, was nur noch für Stress sorgt und sich somit auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind negativ auswirkt.

Fotos: Matthias Ritzmann // Corbis // Getty Images, privat
Illustration: Andrea Stitz

Nele Bruns ist Chefredakteurin des babywelt-Elternmagazins. Ihre Töchter Leni (5) und Emma (17 Monate) liefern ihr täglich die besten Inspirationen für neue Geschichten aus dem Familienleben. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dabei ein ständiger Begleiter.