Interview mit Jana Friedrich

„Es hilft, darüber zu sprechen“

alles wissen / 02. März 2017

Der Verlust eines ungeborenen Babys ist ein tiefer Einschnitt in das Leben betroffener Eltern. Sie kämpfen oft lange mit Gefühlen von Schuld, Verzweiflung, Trauer, Scham und Einsamkeit. Jana Friedrich erklärt, wie Familien in dieser schwierigen Zeit geholfen werden kann – auch durch Hebammen.

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Ein Kind zu verlieren, stürzt betroffene Eltern in tiefe Trauer. Inwiefern beeinflussen Zeitpunkt und Umstände den Verarbeitungsprozess?

Jana Friedrich: Der Zeitpunkt spielt oft keine Rolle. Es kommt darauf an, wie tief die emotionale Bindung der Eltern bereits zu ihrem Kind ist. Wenn Paare sich zum Beispiel schon lange auf ein Kind freuen und die Frau auch über einen längeren Zeitraum versucht hat, schwanger zu werden, kann der Verlust des Fötus’ bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel tiefe Trauer auslösen.

Besonders stark leiden in der Regel die Mütter. Wer kann ihnen in dieser Zeit helfen?

Jana Friedrich: Viele Frauen wissen leider nicht, dass sie auch bei einem Abort* im ersten Schwangerschaftsdrittel ein Recht auf Hebammenbetreuung haben. Die Dauer ist nicht genau geregelt. In Gesprächen versuchen wir zu helfen, über Gefühle zu sprechen und bei der Verarbeitung des Verlusts zu helfen.

Welche Herausforderungen stellt die Geburt eines im Mutterleib verstorbenen Babys an die Mutter und Sie als Hebamme?

Jana Friedrich: Die Nachricht, dass ihr Baby im Bauch verstorben ist, versetzt die Eltern in einen Schock-Zustand. Sie können das gar nicht begreifen. Die Geburt ist dann besonders schrecklich, weil die Belohnung für die Schmerzen – ein gesundes Kind – ausbleibt. Da fließen dann nicht nur bei den Eltern, sondern manchmal auch bei mir Tränen.

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Warum ist es wichtig, dass verstorbene Babys auf natürlichem Weg und nicht per Kaiserschnitt zur Welt kommen?

Jana Friedrich: Wenn das Kind schon sehr groß ist, kann die Geburt auf Wunsch der Mutter auch per Kaiserschnitt erfolgen. Es besteht dann aber die Gefahr, dass die Frau den Verlust als abstrakt empfindet, weil sie die Schmerzen der Geburt nicht gefühlt hat. Die Wehen zu ertragen und die Geburt zu erleben, hilft den Frauen aus der Erfahrung bei der Verarbeitung.

Wie wichtig ist es, dass sich Eltern nach der Geburt ihr Baby anzuschauen?

Jana Friedrich: Sehr wichtig, denn die Vorstellung, wie das Kind womöglich aussieht, ist immer schlimmer als die Realität. Allerdings muss man die Eltern gegebenenfalls im Vorfeld auf den Anblick vorbereiten. Denn gerade, wenn das Baby in der ersten Hälfte der Schwangerschaft geboren wird, sind die Proportionen noch nicht ausgereift. Der Kopf ist im Verhältnis viel größer als die anderen Gliedmaßen. Wenn eine Mutter nach der Geburt Schwierigkeiten hat, sich ihr Kind anzuschauen, wird ihr dieses in der Regel gut zugedeckt in einem kleinen Körbchen gereicht. Dies kann sie gut halten und die Tücher nach und nach zur Seite schieben. Das machen die Frauen eigentlich nach einer gewissen Zeit auch immer. Es gibt aber auch Frauen, die sich weigern, ihr Kind anzuschauen. Aber auch in solchen Fällen machen wir Fotos und wenn möglich auch kleine Hand- und Fußabdrücke. Diese bewahren wir in einer Akte auf, sodass die Mutter sie auch später noch einsehen und die Bilder mitnehmen kann.

Was kann Eltern nach der Geburt ihres verstorbenen Kindes helfen?

Jana Friedrich: Ich empfehle Eltern, einen Brief an ihr verlorenes Kind zu schreiben. Darin darf alles stehen, was sie ihrem Baby gerne sagen würden. Diesen Brief kann man an einem besonderen Platz in einem kleinen Kästchen mit dem Ultraschallbild und anderen Erinnerungsstücken aufbewahren. Manchen Paaren hilft dies, um symbolisch Abschied zu nehmen ohne das Kind zu vergessen. Außerdem ist es wichtig, dass Eltern, besonders die Mütter, sich trauen, über den Verlust zu sprechen.

Begleitbuch:

„Mein Sternenkind“ von Heike Wolter. edition riedenburg, 27,90 €

Für viele Frauen ist dies nicht einfach. Wie können sie ihre Hemmungen überwinden?

Jana Friedrich: Betroffene Frauen plagen oft Selbstzweifel, suchen die Schuld bei sich, vertrauen ihrem Körper nicht mehr. Gespräche mit Hebammen, Gynäkologen und Freunden können den inneren Druck nehmen. Nicht selten erfahren sie, dass auch andere ähnlich schmerzhafte Erfahrungen gemacht haben. Diese kann man zum Beispiel fragen, was ihnen geholfen hat, den Verlust zu verarbeiten. Allerdings muss man auch damit rechnen, dass Einige nicht mit der Offenheit und Trauer umgehen können. Gerade, wenn das Kind in einem frühen Stadium der Schwangerschaft verloren wurde, fehlt leider oft das Verständnis. Dann sind Trauer- oder Selbsthilfegruppen gute Anlaufstellen, um über die eigenen Gefühle zu sprechen. 

Wovon raten Sie betroffenen Eltern nach dem Verlust eines Babys ab?

Jana Friedrich: Man sollte nicht sofort zum üblichen Tagesablauf übergehen. Ich empfehle besonders den Frauen, in jedem Fall ein Mini-Wochenbett von mindestens drei Tagen einzuhalten. Die Seele und der Körper brauchen Zeit, um die Geburt zu verarbeiten. Ich würde auch dem Partner empfehlen, sich einige Tage frei zu nehmen. Denn auch er muss den Verlust verarbeiten. Gemeinsame Gespräche über die Ängste und Sorgen können dem Paar helfen, gestärkt aus der schmerzvollen Erfahrung zu gehen. Nach drei Monaten hat sich der zumindest der Körper der Frau in der Regel wieder erholt, dass sie wieder versuchen kann, schwanger zu werden. 


*Abgang des Embryos im ersten Schwangerschaftsdrittel. Erst nach der zwölften Schwangerschaftswoche spricht man medizinisch gesehen von einer Fehlgeburt.

Foto: Jörg Sänger

Lesetipp

Im Interview erzählt eine betroffene Mutter von ihrem großen Schmerz, ihrer langjährigen Trauer und wie sie ihren Lebensmut wiedergefunden hat.