Ein Zwillingswunder 

Interview mit dem Ärtzeteam

Nele Bruns / gemeinsam glücklich / 03. März 2017

Leitende Oberärztin Christine Schmücker und Facharzt Dr. Björn Beckers: „Wir sind sehr stolz darauf, dass es beiden so gut geht“

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Mit welchem Befund wurde Sophia Smith am 2.3.15 in die Frauenklinik St. Louise aufgenommen? 

Schmücker: Sie hatte einen vorzeitigen Blasensprung in Schwangerschaftswoche 23+0. Der Gebärmutterhals war leicht verkürzt, der Muttermund noch geschlossen und die Kinder wogen beide ca. 500 Gramm. Das war unsere Ausgangslage. Wir sind von der Gesellschaft für Geburtshilfe dazu angehalten, bei 24+0 die Maximaltherapie für das Leben des Kindes durchzuführen. In diesem Fall befanden wir uns in einer Grauzone.

 

Wie ging es dann weiter? 

Schmücker: Wir haben die Eltern in vielen Gesprächen auf alle Möglichkeiten vorbereitet. Nur weil man etwas theoretisch kann, ist es nicht immer sinnvoll. Also haben wir gemeinsam abgewägt: Was können wir erreichen und wie fit ist ein Kind, das man mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ins Leben holt? Gleichzeitig haben wir versucht, Ruhe in die Situation zu reinzubekommen und der Natur ihren Lauf gelassen. Es wurden keine Wehenhemmer eingesetzt, nur Antibiotika, um die Infektion in den Griff zu bekommen. Vier Tage lang hat das funktioniert, dann wurde June bei 23+4 geboren. 

Dr. Björn Beckers (42) ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Neonatologie und Intensivmedizin. Christine Schmücker (45) ist Leitende Oberärztin der Geburtshilfe.

Was passierte nach Junes Geburt?

Schmücker: Wir mussten damit rechnen, dass nun auch Liv auf die Welt kommt, das zweite Geburtshilfe-Team stand schon bereit. Doch dann schloss sich der Muttermund. Sophia bekam zwei Wochen lang Wehenhemmer. Liv wurde aber erst in Woche 30 geboren. 

Beckers: Kinder, die so früh wie June geboren werden, sind an der Grenze zur Lebensfähigkeit – das Gehirn ist ebenso wenig ausgereift wie die Lungen und Verdauungsorgane. Voll entwickelt ist in diesem Stadium nur das Herz. Die ersten drei Wochen sind dennoch richtig gut verlaufen, doch dann gab es ernste Komplikationen, June musste beatmet werden. In dieser Zeit hatten wir tatsächlich die Sorge, dass sie versterben könnte. Doch dann bekamen wir die lebensbedrohliche Situation allmählich in den Griff und June stabilisierte sich. Zusammen mit den guten ersten Lebenswochen war das auch der Grund dafür, warum es den beiden heute so gut geht und sie so sind, wie sie sind: lebhaft und fröhlich und eben nicht behindert. Liv – in SSW 30 geboren und damit ja auch ein Frühchen – wurde nichtinvasiv beatmet, bekam Infusionen und lag monitorüberwacht im Inkubator.

Was hat noch dazu beigetragen, dass beide Mädchen keine gesundheitlichen Langzeitfolgen haben?

Beckers: Man muss als Klinikteam dazu bereit sein, es sich selbst unbequem zu machen. Natürlich wäre es einfacher gewesen, beide mit dem ersten Blasensprung kommen zu lassen und dann maximal auf der Frühchen-Intensivstation zu versorgen. Das zeichnet unser Team aus, auch mal Dinge abzuwarten und dann mit viel Motivation umzusetzen.

Schmücker: Zweizeitige Geburten werden sicherlich öfter mal versucht, aber sie sind selten so erfolgreich. Wenn das zweite Kind lange im Mutterleib bleibt, das erste aber stirbt, ist das ja nur der halbe Erfolg. Dass es June und Liv heute so gut geht, macht uns unheimlich stolz. 

Die Klinik

Im Jahr 2016 gab es in der Frauen- und Kinderklinik St. Louise in Paderborn: 

2.254 Geburten (2.351 Kinder)
87 Zwillingsgeburten, davon
44 vaginal
5 Drillingsgeburten, davon drei vaginal
75 vaginale Geburten aus Beckenendlage
Die Geburtshilfeabteilung ist spezialisiert auf Hochrisikogeburten und Schwangerschaftserkrankungen.
Die Kaiserschnittquote liegt trotz des angeschlossenen Perinatalzentrums und der damit verbunden hohen Zahl an Risiko-geburten mit 24,9 % unter Bundesdurchschnitt
(2015: 31,1 %). 

Fotos: Thorsten Scherz, privat

Die ganze Geschichte von dem Zwillingswunder aus Paderborn: das doppelte Frühchen

Nele Bruns ist Chefredakteurin des babywelt-Elternmagazins. Ihre Töchter Leni (5) und Emma (17 Monate) liefern ihr täglich die besten Inspirationen für neue Geschichten aus dem Familienleben. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dabei ein ständiger Begleiter.