Meine Stillgeschichte

Stille Nacht, entspannte Nacht

Farina Schmidt-Degenhard / gesünder leben / 07. November 2017

Was Stillen alles sein soll: Das beste, natürlichste, normalste der Welt. Vor allem ist das, was da zwischen Mutter und Kind passiert, individuell. An dieser Stelle erzählen wir ihre Geschichten. Eine Hebamme kommentiert. 

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Farina Schmidt-Degenhard (33), Mutter von Charlotte (8) und Martha (2), hat ihre Mädchen vergleichsweise lang gestillt. Wie das war und wie es dazu kam, erzählt sie hier.

Immer nachts habe ich Monika gedankt. Monika, das habe ich allerdings erst für diesen Text ergoogelt, ist die offizielle Patin der Mütter. Das wusste ich damals nicht, darum habe ich es in diesen nächtlichen Momenten allgemein gehalten.Da lag ich also nachts, ein akut hungriges oder anderweitig bedürftiges Baby neben mir und alles, was ich zu tun hatte, war, mein Shirt hochzuschieben, unsere Bauchnabel zueinander auszurichten, den kleinen Körper an meinen heranzuziehen und erleichtert an Moni zu denken. Dann war ich auch schon wieder eingeschlafen. Kein Licht anschalten, kein Aufstehen, kein Wasserkochen, kein Fläschchen bereiten, kein Füttern, kein mit kalten Füßen zurück in den Schlaf finden. Ich konnte völlig problemlos stillen und das war ein Privileg, für das ich Nacht für Nacht sehr dankbar war.

Dieses Reibungslose, die Gemütlichkeit, dass alles im Dämmerzustand stattfand, dass sich nächtliches Stillen bloß wie eine weitere Schlafphase anfühlte, führte vielleicht dazu, dass ich meine Töchter ziemlich lange gestillt habe. Beide Male bis kurz vor dem zweiten Geburtstag. Dabei hätte ich ein paar Tage nach der Geburt des großen Kindes beinahe aufgegeben.

Der Anfang: sich einander zuwenden

Die große Tochter ist in einem Krankenhaus zur Welt gekommen. Die Geburt war okay, die Hebamme schaute immer mal wieder kurz im Kreißsaal vorbei, schien aber nicht sonderlich interessiert. Das blieb auch so, als das Kind auf der Welt war und darum habe ich es einfach selbst angelegt, denn was soll da schon schiefgehen. Das ist Frauenspezialwissen, Jahrtausende alt, und außerdem war ich jetzt ja nun mal mit Kind, da sitzt bekanntlich sofort jeder Handgriff im Mutterbusiness. Als wir ein paar Tage später nach Hause kamen, waren meine Brüste ein blutiges Schlachtfeld. Die ersten Sekunden beim Stillen schienen einfach unerträglich. Der Schmerz war so groß. 

Unsere Wochenbetthebamme legte den Kopf schief, schaute konzentriert von einer Brust zur anderen, atmete für längere Zeit aus und sagte „hm, hm, hm“. Sie holte kalten Quark, Weißkohlblätter, Salbe und Plastikschalen, aus denen sie zwei Belüftungs-systeme für die kaputte Haut baute. Und dann zeigte sie mir ganz in Ruhe und jeden Tag aufs Neue, wie das mit dem Stillen so klappt, dass sich niemand dabei verletzt. Und eine Woche später war alles gut und Stillen fühlte sich tatsächlich wie die älteste Geschichte der Welt an. Das fand wohl auch das Kind, jedenfalls war es mit sieben Monaten noch völlig uninteressiert an fester Nahrung. Und es schlief nur ein, wenn es gestillt wurde. Niemals sonst.

Mit dem zweiten Kind hatte ich einen anderen Start. Es kam im Geburtshaus zur Welt. Die Hebamme saß interessiert bei uns, wollte aber nicht unnötig einschreiten und überließ dem Kind und mir die ersten Schritte. Ich kramte altes Wissen hervor, schließlich lagen fast sieben Jahre zwischen den Geburten, und schon wühlte ein neugieriger Babymund an mir herum. Und wühlte. Und quakte. Und fand das Ziel nicht. Es dauerte ewig. Die Frustration eines Säuglings. Schließlich half die Hebamme doch nach.

Die große Schwester war von Anfang an sicher auf diesem Gebiet. Sie trank fast elegant. Verschluckte sich nicht, setzte nicht ab, schmatzte nicht. Trank effizient ein paar Minuten und war dann entweder eingeschlafen oder satt. Zack, zack. Und jetzt das. Das neue Kind wühlte noch wochenlang an mir herum. Es setzte ständig neu an, kam nicht so recht in Gang, zog den Kopf ruckartig nach hinten, ohne die Brust dabei loszulassen. Wollte nicht mehr trinken, wollte wieder trinken, wollte nicht mehr. Löste sich und starrte für längere Zeit missmutig die Brust an. Es war die reinste Stümperei, erinnerte an ein Fußballspiel auf matschigem Bolzplatz. Ich war fasziniert. Jedes Kind stillt also anders, interessant. Trotzdem wuchsen beide und gediehen, auch interessant. Das zweite Kind schlief nur selten beim Stillen ein und freute sich sichtlich, als wir mit fünf Monaten erste feste Nahrung anboten.

Das Ende: sich voneinander lösen

In ihren zweiten Lebensjahren wurden die Töchter nur nachts noch gestillt. Es war weniger der Hunger, sondern eher ein Bedürfnis nach Nähe, merkte ich. Für mich konnte die Geschichte hier ihr Ende finden. Ich habe mich immer gefragt, wie Abstillen eigentlich geht. Wie man beenden kann, was vom ersten Lebenstag an gelernt wurde. Was die Grundlage aller Verbindlichkeit ist. Meine beiden Töchter und ich haben ganz unterschiedliche Stillenden erlebt.

Beim ersten Kind habe ich deutlich gespürt, dass es mir reichte. Ich wollte das Kapitel abschließen und traute meinem Kind zu, auch ohne gestillt zu werden schlafen zu können. Schließlich lag es zwischen den Eltern im Familienbett und musste auf Geborgenheit und Zuwendung nicht verzichten. Und, ja, das Umfeld spielte zumindest eine kleine Rolle. „Immer noch?“, habe ich häufig gehört. Oft von Menschen ohne eigene Kinder. Oder von der Generation meiner Eltern, die in einer Zeit Kinder bekam, in der Stillen nicht üblich war. Ob ich denn noch im Grundschulalter stillen wolle. Ob das für die kindliche Entwicklung nicht schädlich sein könne.

Ich sagte der großen Tochter eines Abends vor dem Schlafengehen also, dass sie heute nicht gestillt werde und ich aber trotzdem bei ihr liege. Sie verstand kein Wort, nickte mich strahlend an und als wir im Bett waren, wartete sie darauf, dass Bewegung in mein Shirt kam. Sie wurde leicht ungeduldig, legte Beschwerde ein, fing an zu weinen, lauter, und die folgenden Stunden waren nicht so schön. Wir haben das durchgezogen, das war kalter Entzug. Ich würde das nicht noch einmal so machen. Und wenn sie sich damals nicht innerhalb kurzer Zeit, nämlich am zweiten Abend, an den neuen Zustand gewöhnt hätte, vermutlich hätte ich die Aktion abgebrochen und darauf gewartet, dass sie den Zeitpunkt selbst bestimmt, sich zu lösen.

Bei der anderen Tochter war das Ende auch eher abrupt. Aber auf stimmige Weise. Wir zogen in eine neue Wohnung und dort hatte sie ein eigenes Zimmer. Wir bauten das Kinderbett auf und schauten abends, ob sie bereit war, den Familienschlafplatz zu verlassen. Es klappte auf Anhieb gut, sie schlief sogar ruhiger und brauchte nach ein paar Nächten nicht mehr gestillt zu werden. Ich war sehr zufrieden mit diesem Ausgang.

Unser Familienbett ist seit ein paar Monaten also wieder ein Ehebett. Manchmal, wenn ich nachts wach werde, vermisse ich, wie sich ein kleiner warmer Körper an mich schmiegt. Aber nur für einen kurzen Moment, dann bin ich auch schon wieder eingeschlafen.

Die Hebammenmeinung

„Jedes Kind stillt anders – das stimmt. Auch das Abstillen ist ein individueller Prozess. Manchmal passiert es ganz von alleine. Manchmal, so wie in diesem Fall, ist die Mutter bereit abzustillen, aber das Kind noch nicht. Dann ist es gut, einen sanften Weg zu wählen. Oft hilft es, das Ins-Bett-geh-Stillen dadurch zu umgehen, dass der Vater die Einschlafbegleitung für eine Weile übernimmt. Manchmal reicht es, das Abendritual zu verändern, um das Stillen zu kompensieren. Wichtig finde ich, dass die Entscheidung über den Zeitpunkt des Abstillens nicht durch gesellschaftliche Konventionen, sondern durch das eigene Bauchgefühl getroffen wird.“

Jana Friedrich ist Hebamme, zweifache Mutter und Bloggerin aus Berlin. hebammenblog.de

Foto: privat
Illustration: Miriam Frömming

Farina Schmidt-Degenhard ist Projektmanagerin in der babywelt-Redaktion und nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Martha frisch aus der Elternzeit in unser Redaktionsteam zurückgekehrt. Ihr großes Talent zum Schreiben und ihre Erfahrungen als zweifache Mutter machen sie für uns zu einer unverzichtbaren babywelt-Redakteurin und Kolumnistin.