Meine Stillgeschichte

Alles im grünen Bereich

gesünder leben / 07. Juni 2018

Was Stillen alles sein soll: Das beste, natürlichste, normalste der Welt. Vor allem ist das, was da zwischen Mutter und Kind passiert, individuell. An dieser Stelle erzählen wir ihre Geschichten. Eine Hebamme kommentiert. 

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Wenn ich heute auf einer Parkbank sitze – und das tue ich oft, denn ich bin Mutter und dort zu sitzen und das Kind beim Spielen zu begleiten, gehört zu meinen Aufgaben –, dann erinnere ich mich, wie sehr ich diesen Ort und Moment herbeigesehnt habe. Ein wichtiges Bild für mich während der Schwangerschaft: Ich werde Mutter sein und mit meinem Baby auf einer Parkbank sitzen und es stillen. Und obwohl letztlich alles ganz anders kam als geplant und gewünscht, sitze ich nun trotzdem hier, bin trotzdem voll und ganz Mutter und gebe meinem Sohn sein Fläschchen. Es geht mir gut dabei. Der Weg dahin war nicht ganz leicht. Ich habe gelernt, dass nicht alle Erwartungen in Erfüllung gehen. Aber auch, dass so Platz für anderes entsteht. Und das kann ganz schön toll sein.

Champagner auf das neue Leben

Unser Sohn ist ein lang erwartetes Wunschkind. Die Schwangerschaft war ein Traum und die Geburt auch absolut komplikationslos – nach etwas mehr als dreieinhalb Stunden hielt ich schon mein gesundes Raketenkind in den Armen. Wir hatten extra eine Flasche Champagner und richtige Gläser mit in den Kreißsaal genommen und stießen erleichtert an. Das war ein schöner Moment! Natürlich würde das Stillen auch genauso reibungslos und wie von alleine laufen, da war ich mir sicher. Da war er wieder, mein Lieblingsgedanke: Ich mit dem Kleinen auf einer Parkbank in der Sonne, wie wir diesen innigen Moment der Ruhe in vollen Zügen genießen. Ich streichle ihm über den Kopf und erfreue mich an seinem genüsslichen Schmatzen, während ich ihn stille – natürlich das Allerbeste für mein Kind – und meine letzten Schwangerschaftspfunde dabei wie von Zauberhand verschwinden. So stellte ich mir die erste Zeit mit Baby vor. Die perfekte Stillromantik. Ich habe mich wirklich von Herzen auf die Stillzeit gefreut. Aber manchmal sind die Dinge eben weniger perfekt, als man sie sich vorgestellt hat. 

Alles tat mir weh

Ich durchlebte alle Stillstartprobleme, die die Natur sich so ausgedacht hat: ein Milcheinschuss, der es in sich hatte, Schwierigkeiten mit dem Anlegen, offene, blutige Brustwarzen. Milchstau, beginnende Brustentzündung. Schon gewusst? Das Drüsengewebe kann tatsächlich bis unter die Achseln reichen. Wie interessant! Wie schmerzhaft. Alles, wirklich alles tat mir weh. Aber was mich noch mehr quälte als der körperliche Schmerz, war mein schlechtes Gewissen. Ich fühlte mich elend, denn ich begann, das Stillen zu hassen. Ich weinte manchmal sogar vor Angst, wenn mein Sohn wieder Hunger hatte. Ich krallte mich beim Anlegen ins Kissen, bis die erste Schmerzwelle an mir vorbeirollte. Ich wünschte mir nur noch, dass es aufhörte. Das fühlte sich alles nicht richtig an. Ich war endlich Mutter geworden! Sollte ich da nicht vor Freude überlaufen?

Dann hör doch einfach auf!

Zum ersten Mal kam die Möglichkeit ins Spiel, mit dem Stillen aufzuhören. Es war ein Kampf loszulassen. Meine Hebamme sprach es einfach aus: Es ist in Ordnung aufzuhören, wenn ich das wollte. Und sie meinte es ernst. Doch ich wollte es weiter versuchen, dachte an die Parkbank und hielt durch. Es wurde besser und dann kam der Tag, an dem ich wirklich dort saß und stillte. Genau so, wie lang ersehnt. Die Parkbank, mein Kind und ich. Ja, es war schön. Und das blieb es für einen Monat, bis die Hebamme bei unserem nächsten Treffen feststellte, dass mein Sohn 50 Gramm abgenommen hatte. Das war ein schrecklicher Moment. Was war passiert?

Seit einiger Zeit hatten sich die Stillabstände plötzlich merklich verkürzt. Der Kleine war unruhiger als sonst und schrie vor allem abends sehr viel. Er trank dann teilweise sogar über zweieinhalb Stunden hinweg immer wieder und schrie, bis er schließlich einschlief. Ich hatte mir diese Phase mit einem Wachstumsschub oder Koliken erklärt. Der Blick auf die Babywaage zeigte ein anderes Ergebnis. Ich pumpte zur Kontrolle Milch ab. Dann die Ernüchterung: Ich hatte es gerade mal auf knapp 60 ml gebracht. Viel zu wenig für eine Stillmahlzeit. Deswegen also weinte mein Sohn und wollte so oft angelegt werden. Er war hungrig und frustriert darüber, an meiner Brust nicht genügend Nahrung zu finden. Und ich hatte nicht gemerkt, was vor sich ging. 

So wie es ist, ist es gut

Wir begannen sofort, mit dem Fläschchen zuzufüttern. So schwer ich mich tat, meinem Sohn die erste Flasche zu geben, so gut nahm er sie an. Und fiel danach in seligsatten Schlaf. Das war das Wichtigste. Das war der Grundstein für alles Weitere: Meinem Sohn ging es nun gut. Obwohl er nicht gestillt wurde. Weil er nicht gestillt wurde. Sein Gewicht hatte er schnell aufgeholt. Alles war wieder im grünen Bereich – wir mussten uns keine Sorgen mehr machen. Mittlerweile bekam er drei Flaschen am Tag, meine Milchmenge sank immer weiter. Und mein Selbstwert als Mutter leider ebenfalls. Warum machte mein Körper nicht das, wofür er vorgesehen war? Ich hatte Angst davor, dass unsere Bindung und Beziehung leiden könnte. Ich fühlte mich ersetzbar.

Die Autorin

Daya Paterek (31), Mama von Henry (8 Monate), hatte eine aufreibende Stillzeit und weiß: Mit dem Fläschchen läuft es gut. Auf Instagram findet man sie unter muttimachmal.

Die Flasche brachte uns als Familie näher zusammen

Es dauerte eine Weile, bis es mir besser ging. Ich besann mich auf die oberste Priorität: ein glückliches und gesundes Kind zu haben. Und das hatte ich ja. Meine Brust war zwar keine Hauptnahrungsquelle, aber zur Beruhigung und als Nähestifter immer noch willkommen. Mit ihr fand er auch leichter in den Schlaf. Und ich spürte deutlich, wie viel Flexibilität und Freiheit ich dazugewonnen hatte. Das war wirklich toll. Mein Mann konnte sich ebenfalls viel mehr einbringen, seine Bindung zu unserem Sohn wuchs und bescherte mir einige ruhige Nächte. Die Flasche brachte uns als Familie näher zusammen. Mit knapp fünf Monaten war es dann so weit: Als ich meinen Sohn eines Morgens anlegte, verwehrte er die Brust. Er brauchte sie nicht mehr. Ich sah ihn an und sagte „Ist okay, Kumpel. Ich mach dir eine Flasche.“ Er hatte sich abgestillt.

Ja, Stillen kann schön sein. Aber manchmal klappt es einfach nicht und niemand weiß, warum. Es ist genauso in Ordnung, nicht zu stillen. Weil man es so möchte. Oder weil man es nicht anders kann. Die Gründe sind ganz verschieden und alle sind vollkommen in Ordnung. Manchmal verlaufen Dinge anders als gewünscht. Das so anzunehmen ist nicht ganz leicht, aber es lohnt sich. Ich sitze auf der Parkbank und schaue meinem Kind zu. Es ist satt und heute bestimmt schon wieder ein großes Stück gewachsen, innerlich und äußerlich. Ich merke ganz deutlich: Auch wenn ich mein Kind nicht stille, ernähre ich es doch. Durch meine Zuwendung und Liebe. Um uns herum sind viele Mütter und viele Kinder. Ich habe absolut keine Ahnung, welche gestillt werden und welche nicht. Man sieht es ihnen nicht an. Man sieht nur, alle haben ihren gemeinsamen Weg. Alle sind sich nah. 

Die Hebammenmeinung

„In der Theorie ist Stillen das Beste für Mutter und Kind. Aber in der Praxis gibt es Verläufe, die eben andere Wege erfordern. Glücklicherweise gibt es sehr gute Muttermilchersatzprodukte, die ein Baby mit dem versorgen, was es zum guten Gedeihen braucht. Was es nicht braucht, ist eine Mutter mit einem permanent schlechten Gewissen. Wenn es mit dem Stillen einfach nicht klappt, kann das zwar traurig sein und man kann diesem Ideal hinterhertrauern. Aber letztendlich entsteht eine gute Bindung nicht durchs Stillen an sich, sondern durch die Liebe, Fürsorge und Feinfühligkeit, die ein Baby durch seine Eltern erfährt. Insofern können sich Mütter, die ihre Babys nicht stillen können oder wollen, entspannen. Stillen ist Liebe, aber Fläschchengeben auch!“

Jana Friedrich ist Hebamme, zweifache Mutter und Bloggerin aus Berlin. hebammenblog.de

Illustration: Miriam Frömming