Interview

„An einer Fehlgeburt hat niemand Schuld!“

alles wissen / 08. Juni 2018

… sagt Hebamme Sophie Theuerkauf (35) und beruhigt damit viele, die den Grund bei sich suchen. Genauso wichtig: Auch nach einer Fehlgeburt steht Frauen eine Hebamme zu. Und wenn es nur zum Reden ist.

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Fast jede dritte Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt – die meisten Kinder sterben vor der 12. SSW. Was können die Ursachen sein? 

Von einer frühen Fehlgeburt spricht man bis zur 16. SSW. Infektionen können eine Rolle spielen, ebenso genetische Faktoren. Ansonsten ist es immer auch ein Risiko, wenn die Mutter Diabetikerin ist oder eine (unerkannte) Schilddrüsenerkrankung hat. Das Wichtigste bei dieser Frage ist aber: Eine gesunde Mutter kann im Prinzip nichts tun, um eine Fehlgeburt zu verhindern. Man kann nicht alles kontrollieren. Gerade Frauen, die eine künstliche Befruchtung durchmachen, die besonders an die Machbarkeit einer Schwangerschaft glauben, werden schwer getroffen von einer frühen Fehlgeburt. Bei dem Weg zum Kind wird immer ein Funke Unplanbarkeit dabeibleiben. Dem Wunder der Schwangerschaft sollten wir deshalb mit Demut begegnen.  So traumatisch eine Fehlgeburt für die Eltern ist und so verständlich ihre Trauer ist: Es ist eine Auslese der Natur.

Auch wenn man all die Statistiken und Wahrscheinlichkeiten kennt: Ist man selbst betroffen, ist der Schock groß. War das schon immer so? 

Früher haben die Frauen zwar das Ausbleiben der Regelblutung bemerkt, aber erst mit Bewegungen des Kindes, also irgendwann zwischen der 17. und 20. SSW, haben sie zum ersten Mal ihr Kind gespürt und dann wussten sie, dass es auch wirklich da ist! Und heute können wir die befruchtete Eizelle unter dem Mikroskop sehen. Ultraschall, Schwangerschaftstest für zu Hause – diese technischen Errungenschaften sind noch gar nicht so alt. Je mehr wir wissen und je früher wir es wissen, desto weniger können wir die Dinge aushalten. Zu akzeptieren, dass man den Zustand momentan nicht ändern kann, fällt schwer. 

Sind Blutungen ein sicheres Zeichen für eine Fehlgeburt? Und was sollte man im Fall der Fälle tun? 

Ja und nein. Die meisten Fehlgeburten sind verknüpft mit Blutungen, aber es ist kein Muss. Schmerzen, Krämpfe oder ein starkes Ziehen können auch Anzeichen sein. Manchmal gehen auch von jetzt auf gleich die Schwangerschaftssymptome weg, wie Brustspannen oder Übelkeit. Die echte Gewissheit kann nur ein Ultraschall und der betreuende Arzt bzw. die Ärztin leisten.

Haben Frauen bei einer frühen Fehlgeburt Anspruch auf Hebammenleistungen?

Natürlich! Inzwischen kontaktieren viele Frauen schon früh eine Hebamme. Wenn sie sich dann nicht mehr melden, ahnen wir, dass etwas nicht gut verlaufen ist. Wir erklären dann, dass auch eine kurze Schwangerschaft eine „richtige“ Schwangerschaft war, und die Frau einen Anspruch auf reguläre Wochenbettbetreuung hat. Wenn die Eltern das möchten, arbeiten wir dann gerne gemeinsam die Geschehnisse auf. 

Informieren und Hilfe erfahren

Initiativen und Verbände:

  • Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. veid.de
  • Initiative Regenbogen Glücklose Schwangerschaft e.V. initiative-regenbogen.de

Beratungsstellen:

Wann spricht man davon, dass der Trauerprozess nach einer Fehlgeburt abgeschlossen ist? 

Viele Frauen sagen mir, dass sie erst mit der Geburt des nächsten Kindes abschließen konnten. Eine Schwangerschaft nach einer Fehlgeburt ist auch eine psychische Belastung, z. B. wenn sich die SSW nähert, in der die Fehlgeburt passiert ist. Trauer ist nichts, was man komplett abschließen kann. Sie ist wie eine Narbe, die nicht weggeht. Manche Frauen sind pragmatisch, andere trauern lange. Wichtig ist, dass Eltern sich die Trauer um das verlorene Kind zugestehen – egal, wie früh sie es verloren haben.

Was sollten Eltern nach der Fehlgeburt beachten? 

Frauen, die meinen, es danach „besser“ machen zu müssen, sage ich ganz klar: Ihr habt keine Schuld an der Fehlgeburt. Hört auf euer Gefühl, geht entspannt mit euch um. Es gibt nichts, was ihr besser machen könnt. Ich weiß, das ist schwierig, wenn man Angst hat. Aber es hilft.

Lesetipp

Eine Betroffene erzählt im Erfahrungsbericht von ihrer Fehlgeburt.

Interview: Jörg Sänger, Artur Debat/Moment/gettyimages