Interview

„Die Welt wartet – auf reisende Familien!“

Nele Bruns / gemeinsam glücklich / 11. Juni 2018

… sagt Tourismusexpertin Viola Ehrig (35). Sie ermutigt Eltern, die Babyzeit zu nutzen, um die Welt zu bereisen und sich als Familie zu finden. Dafür hat sie eine Agentur für Elternzeit-Reisen gegründet.

Vorheriger ArtikelPer Roadtrip durch die Elternzeit
Nächster ArtikelVon Anfang an zu zweit

Während andere Babykurse besuchen oder Brei kochen, schlagen Sie vor, in der Elternzeit zu reisen. Warum? 

Weil das eine das andere nicht ausschließt! Natürlich rate ich nicht, direkt vom Kreißsaal an den Flughafen zu fahren. Ein Babyalter ab 5 bis 6 Monaten ist wunderbar geeignet, um die erste gemeinsame Reise anzutreten. Die Elternzeit bietet eine einmalige Gelegenheit, zusammen länger zu verreisen und nach den turbulenten ersten Monaten als Familie durchzuatmen und zu entspannen. Ich plädiere für Reiseentspannung statt Freizeitstress!

Kritiker meinen, das Elterngeld sei kein Urlaubsgeld und die Elternzeit ist dafür da, in den Alltag mit Kind zu finden. Eine Reise stehe dazu im Widerspruch. 

Wer schon einmal eine Reise geplant hat, der weiß, dass Elterngeld kein Luxus ist, von dem man es sich leisten könnte, eine lange Reise zu machen. Ganz im Gegenteil – Eltern verzichten ja auf einen Teil ihres Gehalts. Wer also nicht vorher Geld angespart hat, wird kaum vom Elterngeld verreisen können. Davon abgesehen kann ich nicht nachvollziehen, warum man nicht auch auf Reisen in die neue Familienrolle finden sollte. Ein entspanntes Umfeld hilft doch, um sich in der neuen Situation zurechtzufinden und um gemeinsam Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen.

Ihre Agentur „Die Welt wartet“ widmet sich dem Thema Reisen mit Kindern. Wie kam es dazu? 

Mein Mann und ich haben bei der Vorbereitung unserer eigenen Elternzeit-Reise – wir waren mit unserem Sohn im Wohnmobil zwei Monate im unbekannteren Teil der USA und Kanada unterwegs – festgestellt, dass ganz neue Fragen auftauchen. Die Recherche nach Kindersitztauglichkeit, Flugtipps mit Baby und kindgerechten Reisezielen war mühsam. Selbst für mich als „Profi“ mit Tourismus-Studium! Ich war erstaunt, dass es bislang  keinen Anbieter für Elternzeit-Reisen gab. Als wir von unserer Reise wiederkamen, wollte ich meine Begeisterung teilen und andere Familien ebenfalls ermutigen, eine Reise mit Baby zu wagen. Vor drei Jahren habe ich die Agentur gegründet und freue mich sehr, diesen Schritt gemacht zu haben. 

Was bietet „Die Welt wartet“ genau an? 

Ich unterstütze Familien, die eine Elternzeit-Reise mit Baby oder eine Familienreise mit Kindern machen möchten – von der Planung bis zur Buchung. Ich berate zu geeigneten Reisezielen und verschiedenen Reisearten, um dann die passenden Flüge, kindgerechten Unterkünfte, Wohnmobile oder Mietwagen für die Familien zusammenzustellen und zu buchen. Dabei beantworte ich Fragen rund ums Fliegen mit Baby, gebe Tipps zum Packen und Reisen und mache unsicheren Eltern Mut.  

Was sind die größten Unterschiede beim Reisen mit und ohne Kind und wie können sich Eltern darauf vorbereiten? 

Mit Kind möchten Eltern sichergehen, dass die Reise gut geplant ist, sie informieren sich ausführlich über Reiseziele, Unterkünfte und medizinische Versorgung. Während früher der Rucksack gepackt, die Reiseroute offengelassen und auch mal Lowbudget übernachtet wurde, wird nun die Vereinbarkeit der Reise mit Kind wichtiger. Aber bestimmt nicht spießiger – nur besser vorbereitet und bedachter. Statt Kilometer zu reißen werden Pausen eingelegt – für viele eine ganz neue Reiseerfahrung. Auch auf unserer Elternzeit-Reise haben wir das langsame Reisen für uns entdeckt und dadurch Menschen und Orte kennengelernt, die wir ohne Kind schlichtweg „übersehen“ hätten.

Sie haben vor einigen Wochen ein zweites Kind bekommen. Haben Sie wieder eine längere Reise geplant? 

Konkrete Pläne haben wir noch nicht, aber viele Ideen. Da ich täglich mit spannenden Reisen zu tun habe, fällt es mir schwer, eine Entscheidung zu treffen. Ich fürchte, wir „müssen“ mehrere kleine Reisen oder eine Weltreise machen. Schauen wir mal, ob das Zweite auch so ein begeistertes Reisekind wird wie das Erste – aber bei den Genen habe ich wenig Bedenken! dieweltwartet.de  

Was kostet das Fernweh? Drei Familien berichten

Nichts

„Seit fast drei Jahren sind mein Sohn und ich schon unterwegs und das fast ohne Geld. Die ersten sechs Monate lebten wir von Ersparnissen und haben es geschafft, mit 200 bis 400 Euro im Monat klarzukommen. Für unsere Unterkünfte zahlen wir in der Regel nichts oder eben nur ganz wenig. Geldsorgen sind ein stetiger Begleiter. Entscheidend ist aber, wie ich damit umgehe.“

Flexibilität

„40.000 Euro, die wir mit Ersparnissen, Elterngeld, Geerbtem und diversen Einkünften finanziert haben. Statt in ein Eigenheim oder in ein Sparkonto investieren wir in Erfahrungen, Weiterentwicklung und Familienzeit. Das Reisen hat uns auch noch mal gezeigt, wie wenig wir eigentlich brauchen. Dass es so viel mehr kostet als das normale Leben zu Hause, finden wir nicht.“

Mut

„Unsere Wohnung in Berlin haben wir sechs Monate nach der Geburt für unsere Reise aufgegeben, einen Großteil des Besitzes verkauft und ein paar Dinge bei Julis Eltern im Haus deponiert. Ich habe selbstständig als Fotograf gearbeitet und konnte die Reise gut damit vereinbaren. Juli war zu diesem Zeitpunkt mit den Zwillingen in Elternzeit und hat Elterngeld bekommen.“ 

Die Globetrotter

Einmal um die halbe Welt: In unserer Reportage berichten Tanja und Christian Roos von ihrer Auszeit mit den Kindern in Neuseeland, Australien und New York.

Die Nordlichter

Roadtrip durch Schweden und Norwegen: Welche Abenteuer ein Paar in der Elternzeit mit seinen Zwillingen erlebte, lesen Sie in unserer Reportage.


Foto: Familie Roos; Jule Fink; Halfpoint/iStock/gettyimages; Stephanie Schulz; Viola Ehrig
Illustration: Miriam Frömming

Nele Bruns ist Chefredakteurin des babywelt-Elternmagazins. Ihre Töchter Leni (6) und Emma (3) liefern ihr täglich die besten Inspirationen für neue Geschichten aus dem Familienleben. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dabei ein ständiger Begleiter.