Kolumne

Ein Satz und seine Folgen

alles wissen / 08. Juni 2018

Oh doch! Wer Gewalt an Kindern Okay findet, dem haben die eigenen Erfahrungen wohl doch geschadet, meint unsere Kolumnistin Nora Imlau.

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Nora Imlau (34) ist Journalistin, Fachbuchautorin (z. B. "Mein kompetentes Baby", „So viel Freude, so viel Wut“, Kösel Verlag), Mutter von drei Kindern und Vertreterin des bindungsorientierten Erziehungswegs Attachment Parenting.

nora-imlau.de

Spielzeugkisten ausleeren, im Essen herummatschen, beim Händewaschen das halbe Bad unter Wasser setzen – gehört alles zum Kleinkindleben dazu, findet Leos Mutter Mona. Doch es gibt Dinge, da ist einfach Schluss: Den Fernseher zum Beispiel, den muss er bitte in Ruhe lassen. Das weiß der Eineinhalbjährige auch ganz genau. Und trotzdem steht er jetzt mit einem Duplostein in der Hand vor dem großen Bildschirm und holt aus. „Leo, nein!“, ruft Mona vom anderen Ende des Zimmers. Ihr kleiner Sohn hält kurz inne, guckt sie an, grinst – und haut zu. Zack! Die Plastikkante bohrt sich in die empfindliche Oberfläche und hinterlässt ein kleines Loch. Leo guckt Mama an und lacht. Und in diesem Moment sieht Mona rot: Ohne nachzudenken holt sie wutentbrannt aus und schlägt ebenfalls zu – mit der flachen Hand auf den weichen Windelpo. 

Wut, Schuldgefühle, Hilflosigkeit. Als Leo erschrocken anfängt zu weinen, bricht Mona ebenfalls in Tränen aus: Hat sie gerade wirklich ihren Sohn geschlagen? Ihr 15 Monate altes Baby? Mona zittert, ihr Herz schlägt ihr bis zum Hals. Kinder zu schlagen ist in Deutschland verboten, das weiß sie, und das findet sie auch richtig so. Jeden Eid hätte sie geschworen, dass Leo gewaltfrei groß wird. Und jetzt? 

Mit ihrer Wut und ihren Schuldgefühlen ist Mona nicht allein: Fast die Hälfte aller befragten Mütter und Väter gab in einer Studie der Zeitschrift „Eltern“ zu, ihr Kind schon mindestens einmal geschlagen zu haben – wie Mona nicht aus Überzeugung, sondern aus Verzweiflung, aus Hilflosigkeit, aus einer plötzlichen unbändigen Wut heraus. Natürlich ist das nicht okay: Schläge verletzen und demütigen, immer. Ob kleiner Klaps oder schallende Ohrfeige: Kinder zu hauen ist schlimm, und falsch, und verboten. Und trotzdem ist es – leider – auch menschlich, dass es immer wieder passiert. Der Grund: In extremen Stress-Situationen sind wir Menschen nicht mehr zum klaren Denken fähig. Stattdessen greifen wir auf uralte Muster zurück, die uns selbst in unserer Kindheit eingepflanzt wurden. Zum Beispiel: Auf Provokation folgt Wut. Und auf Wut folgt Gewalt: ausschimpfen, anschreien, zuschlagen. Solche alten Muster zu durchbrechen, ist unglaublich schwer. Aber es führt kein Weg daran vorbei. 

Buchtipp

"So viel Freude, so viel Wut" von Nora Imlau (Kösel Verlag)

Der erste Weg zur Besserung. Das ist auch Mona klar geworden. Kaputter Fernseher hin oder her – so was darf ihr nicht noch mal passieren. Leo ist noch so klein, natürlich wird er sich noch viele Jahre lang immer wieder nicht an Regeln halten – ganz ohne böse Absicht. Kinder haben kaum Kontrolle über die eigenen Impulse. Wir Erwachsenen schon – zumindest theoretisch. Doch im Leben mit Kindern geraten wir immer wieder in Ausnahmesituationen, mit denen wir lernen müssen, umzugehen. Gewalt darf nie die Lösung sein. 

Leos freches Grinsen dabei? Ist in Wirklichkeit keine bewusste Provokation, sondern eine uralte evolutionäre Beschwichtigungsgeste. Und egal, was Leo tut: Er ist niemals schuld daran, dass Mama ausrastet. Denn die Verantwortung für ihr eigenes Verhalten liegt allein bei Mona. Deshalb nimmt sie ihn jetzt in den Arm, tröstet ihn, und bittet ihn um Entschuldigung. Mehr kann sie in diesem Moment nicht machen.

Foto: Malina Ebert, PR
llustration: Miriam Frömming