Reportage

Generation Mama

Michaela Senger / alles wissen / 08. Juni 2018

Geburten bieten viel Gesprächsstoff – für Jung und Alt. In Erzählcafés tauschen sie sich dazu aus.

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Schon in der Schwangerschaftsvorsorge erleben heute viele Frauen, dass nicht sie, sondern Mediziner die Experten für ihr Baby sind. Sie haben kaum noch Vertrauen in ihren eigenen Körper. Das war früher anders. Reden hilft – wie immer. Zum Beispiel in einem Erzählcafé.

Bewegende Erzählungen

Die Abendsonne blinzelt hinter der Bergkuppe hervor und taucht das moderne Holzgebäude in ein warmes Licht. Es ist Mitte März und im österreichischen Hittisau im Bregenzerwald lässt der Frühling noch auf sich warten. Die große Glastür fällt ins Schloss. Auf dem Vorplatz des Frauenmuseums stehen rund ein Dutzend Menschen zusammen. Noch lange hört man ihre Stimmen, die Revue passieren lassen, was sie in den letzten Stunden erlebt haben. Zu aufwühlend waren die Gespräche, zu berührend die Geschichten. 

Die Frauen und Männer, die hier zusammenstehen, sind Besucher eines Erzählcafés zum Thema „Der Start ins Leben“. Sie haben sich getroffen, um von ihren Erfahrungen und Ängsten in der Schwangerschaft und bei der Geburt  zu berichten, um sich auszutauschen, um voneinander zu lernen. Bei Kaffee und Kuchen. „Die älteren Damen und ihre Erzählungen haben mir Mut gemacht. Tolle Frauen!“, sagt eine schwangere Besucherin. Sie wünscht sich, dass es solche Gesprächsangebote regelmäßig gibt. 

„Besonders interessant fand ich, dass jede Frau die Geburt anders erlebt und empfindet“, ergänzt eine weitere Besucherin. Die Erzählungen zum gleichen Thema über Generationen hinweg und auch aus der Sichtweise des Mannes haben alle Teilnehmer beeindruckt. Überrascht waren sie, wie viel Grundvertrauen die Frauen früher hatten – so ganz ohne Internet und mit wenig Aufklärung. Natürlich waren auch die Veränderungen in der Geburtshilfe ein Thema des Erzählcafés. Unsicherheit legte sich schnell: „Ich fand es toll, wie offen, lustig und sympathisch der Austausch mit völlig fremden Personen war.“ So offen, dass einige Besucher förmlich gespürt haben, wie befreiend es für manche war, über ihre Geburtserlebnisse zu erzählen. „Oft sind es Erinnerungen der älteren Generation oder Erzählungen von Frauen aus anderen Kulturkreisen, die Teilnehmer eines Erzählcafés besonders berühren", sagt die Initiatorin Dr. med. Stefanie Schmid-Altringer, „Berichte von Frauen, die zeigen, dass Schwangerschaften und Geburten auch ohne ständige medizinische Überwachung gesund verlaufen.“ 

Im Gegensatz zu heute waren bis in die 1950er-Jahre Hausgeburten ganz normal. Vorsorgeuntersuchungen nahmen nur wenige Frauen wahr. Heute sind regelmäßige Kontrolltermine selbstverständlich. Kaum kommen werdende Eltern mit den drei Ultraschallen, die der ärztliche Vorsorgekatalog vorschlägt, aus. Bis zu zehn Ultraschalluntersuchungen sind üblich, damit sie sich heute ihrem Kind nah fühlen. Doch ist dafür die Technik das richtige Mittel? Entsteht Nähe nicht vor allem durch Vertrauen? 

Genau an diesem Punkt setzen die „Der Start ins Leben“-Erzählcafés an. „Das Ziel dieses organisierten, persönlichen Erfahrungsaustausches ist es, Frauen zu ermutigen, selbstbestimmt und voller Freude ihre Schwangerschaft zu genießen“, sagt Dr. Stefanie Schmid-Altringer. „So entwickeln sie ein größeres Selbstbewusstsein rund um die Geburt und das anschließende Leben mit Baby. Denn meist wissen Frauen instinktiv, ob es ihrem Kind gut geht. Sie müssen sich das Urvertrauen aber zurückholen.“

Lesetipp

Die Erzählcafé-Initiatorin Dr. med. Stefanie Schmid-Altringer im Interview

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Aktuelle Infos zur Aktion "Erzählcafé" finden Sie hier.

Foto: Angela Lamprecht

Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.