Interview

„Jedes Kind isst anders!“

gesünder leben / 07. Juni 2018

… sagt Dr. Nikolaus von Hofacker (57), Kinderarzt sowie Kinder- und Jugendpsychologe aus München. Im Interview erklärt er, wie Eltern Anzeichen einer Fütterstörung erkennen und das Essverhalten positiv beeinflussen können.

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Wie können Eltern eine abwechslungsreiche Ernährung ihres Kindes fördern?

Sie sollten ihm entsprechende Lebensmittel regelmäßig ohne Druck anbieten. Wichtig ist, dass das Kind selbst aus dem Angebot, das ihm die Eltern machen, wählen und entscheiden darf, was und wie viel es isst. Idealerweise gehen die Eltern mit gutem Beispiel voran und ernähren sich selbst auch vielseitig und greifen nicht regelmäßig zu Fast Food oder anderen ungesunden Lebensmitteln. 

Manche Kinder lehnen neue Lebensmittel aber auch ab, obwohl Eltern oder Geschwister diese essen. Wie können Eltern das ändern?

Wichtig ist, nicht sofort bereitwillig zu akzeptieren, dass das Kind ein Lebensmittel nicht mag und sofort eine Alternative anzubieten. Eine Aussage wie „Du musst das nicht essen, wenn du es nicht magst“ ist sicherlich gut gemeint. Sie kann aber auf Dauer dazu führen, dass die Kinder nur noch Nudeln, Reis oder andere wenig geschmacksintensive Lebensmittel essen.  

Viele Kinder sind sehr wählerisch beim Essen. Wann ist das ein ernst zu nehmendes Problem?

Es gibt Kinder und Erwachsene, die Geschmäcker sehr intensiv wahrnehmen. Man nennt sie „Super Taster“. Andere lehnen Essen aufgrund seines Aussehens oder der Konsistenz ab. Sie heißen „Picky Eater“. Wenn Eltern extrem viel Aufwand betreiben müssen, um Lebensmittel zu finden, die das Kind akzeptiert, ist dies ein deutliches Zeichen, dass eine selektive Fütterstörung vorliegt.

Wie können Eltern ihr selektiv essendes Kind motivieren, sich abwechslungsreich zu ernähren?

Ich empfehle, Lebensmittel, die Kinder anfangs nicht sofort akzeptieren, immer wieder ohne Druck anzubieten. Häufig benötigen sie einfach mehr Zeit, um sich an den Geschmack zu gewöhnen. Außerdem rate ich davon ab, extra für das Kind zu kochen. Je länger Eltern das wählerische Essverhalten ihres Kindes akzeptieren, desto größer ist der Aufwand, den sie auf Dauer betreiben müssen, um dem entgegenzuwirken.

Welche Fütterstörung tritt neben der selektiven bei gesunden Kindern am häufigsten auf?

Die restriktive Fütterstörung. Sie zeigt sich meist zwischen dem neunten Lebensmonat und dem dritten Lebensjahr. Betroffene Kinder haben wenig Hunger, aber gleichzeitig ein großes Interesse an ihrer Umwelt. Oft sind sie sehr temperamentvoll und willensstark. Mahlzeiten entwickeln sich dann zu regelrechten Machtkämpfen zwischen Eltern und Kind, was sehr belastend für die Familie ist.

Was sind deutliche Hinweise für eine Fütterstörung?

Ein Fütterproblem liegt in jedem Fall vor, wenn Eltern das Essverhalten ihres Kindes als so problematisch empfinden, dass sie Hilfe suchen. Dies kann zum Beispiel sein, wenn ein Kind regelmäßig mehr als 45 Minuten zum Essen benötigt, nur sehr kleine Portionen isst und alle zwei Stunden neues Essen verlangt. Außerdem wenn es hartnäckig Nahrung verweigert, weniger als fünf Lebensmittel und nur mit starker Ablenkung isst, nie Anzeichen von Hunger zeigt oder ständig Essen hochwürgt, ohne dass es dafür organische Gründe gibt.

Warum ist das Essen bei vielen Familien ein Problem?

Beim Füttern von Beikost oder der Einführung von Familienkost vergessen viele, dass nicht alle Kinder gleich viel essen. Manche sind früher satt, andere haben mehr Appetit. Jedes Kind isst also anders. Manche Eltern versuchen trotzdem, möglichst viel einer Portion zu füttern, ohne Sättigungssignale ihres Kindes zu beachten – etwa, wenn es das Gesicht vom Löffel wegdreht. Dann sollte das Essen weggestellt werden.

Mehr lesen

Weitere Infos und Tipps rund um Fütterstörungen finden Sie im Artikel Mama, mir schmeckt's nicht.

Haben Sie noch weitere Tipps?

Ich empfehle Eltern, sich mindestens einmal am Tag 20 Minuten Zeit zu nehmen und gemeinsam mit dem Kind am Tisch zu essen. So lernt es, dass es etwas Schönes ist, in Gemeinschaft zu essen. Der Nachahmungseffekt ist dabei sehr groß. Das kann man gut bei Kindern beobachten, die mittags in der Kita essen. Sie akzeptieren dort viel eher Gemüse oder Gerichte, die sie zu Hause ablehnen, weil sie sehen, dass das Essen auch anderen schmeckt.

Foto: Emely/Cultura/gettyimages; Katharina Kreye; Westend61/gettyimages