Kolumne

Mama hat das Wort

Farina Schmidt-Degenhard / gemeinsam glücklich / 05. Juni 2018

Wie unsere Kolumnistin sich im digitalen Leben der anderen wiedererkennt.

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Ich sitze in der Dunkelheit. Neben mir liegt das kleine Kind in seinem Bett und schnauft sich in den Schlaf: „Bin ich gar nicht müde, bin ich nämlich nicht müde.“ Eben zählte es in zusammenhanglosen Worten die High- und Lowlights des Tages auf, anscheinend gab es in der Kita eine Handgreiflichkeit um den Puppenwagen und der Kirschjoghurt hat gut geschmeckt. Es ist etwa halb acht am Abend. Wie viele Stunden meines Mutterlebens ich wohl schon so saß und keine weitere Funktion hatte, als körperlich anwesend zu sein, damit sich jemand sicher und geborgen genug fühlt, in den Schlaf zu finden. Einfach nur sein. So kompetent fühle ich mich selten.

Und allein bin ich ja nicht. Immer abends, in dieser blauen Stunde, lese ich, wie andere Menschen ihren Tag verbracht haben. Dann drehe ich eine Runde um die Blogs. Ich finde dieses private ins Internet Reinschreiben ganz großartig. Jaja, Blogs per se sind natürlich keine Tagebücher. Sie sind einfach nur ein persönlicher digitaler Raum, den man gestalten kann. Es gibt Modeblogs, Bastelblogs, politische Blogs, Blogs von Experten der Raumfahrt, für Hip-Hop und für Tomatenuntergattungen. Es gibt Blogs für Hefeteig. Alle super! Aber um die geht es jetzt nicht. Sondern um die, in denen Menschen schreiben, was sie an jedem einzelnen Tag so angestellt haben. Es sind völlig unterschiedliche Personen, deren Leben ich seit Jahren mitlese. Ich kenne nur, was sie von sich zeigen. Ihre Stärken, Schwächen, ihren Humor, ihre Interessen, weiß, was sie gern auf ihrem Brot essen, womit sie ihre Zeit verbringen, wie das Verhältnis zu ihren Eltern ist und manchmal sogar, wen sie wählen würden, wäre am Sonntag Bundestagswahl. Und habe sie dabei noch nie persönlich getroffen. Das wäre auch merkwürdig, denn wer ich bin, wissen sie natürlich nicht. Der Kommunikationsfluss ist sehr einseitig, sie schreiben, ich lese. Es sind alles völlig subjektive Berichte, Journaleinträge eben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in Tagebüchern geschummelt und auf Pointe geschrieben wird. Umso besser! Wir sind ja schließlich zum Spaß hier. Findet auch meine Tochter, die gerade unter der Bettdecke versucht, sich ihre Füße in die Ärmelöffnungen zu stecken.
 
Huch, das bin ja ich. Ich mag die Blogs am liebsten, in denen niemand rauskürzt, wenn Dinge anstrengend werden, wenn sie Kraft kosten. Dass es stresst, wenn der Dreijährige seine Autonomiephase heute auf dem Wochenmarkt ausgelebt hat. Dass es zehrt, wenn das Baby bis zum Abend einfach nicht zur Ruhe kam, egal, welche Tricks man probiert hat. Wir alle wissen das und trotzdem ist es tröstlich, zu lesen, dass auch andere ihre Konflikte austragen, ihre Zweifel und Unzulänglichkeiten haben, scheitern und manchmal einfach nur müde sind. Dass sie dafür Worte finden, die mich erreichen, lässt mich an manchen Tagen weniger wie ein Zombie fühlen. Genauso freue ich mich mit ihnen, wenn Kinder geboren, Jobs gefunden und wirklich gelungene Zimtschnecken gebacken werden.

Immer ruhiger wird es neben mir. Schließlich ist das Kind in der absoluten Gemütlichkeit angekommen, die es zum Wegdämmern braucht. Der Atem verändert sich, der Schlaf ist da. Ich drehe den kleinen schweren Körper etwas zurecht, lege die Decke über ihn und schleiche mich aus dem Raum. Gute Nacht, mein Kind. Habt morgen einen aufregenden Tag, liebe Menschen aus dem Internet, ich freue mich schon drauf. 

Illustration: Miriam Frömming

Farina Schmidt-Degenhard ist Projektmanagerin in der babywelt-Redaktion und nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Martha frisch aus der Elternzeit in unser Redaktionsteam zurückgekehrt. Ihr großes Talent zum Schreiben und ihre Erfahrungen als zweifache Mutter machen sie für uns zu einer unverzichtbaren babywelt-Redakteurin und Kolumnistin.