Wege aus dem Futterstress

Mama, mir schmeckt’s nicht

Michaela Senger / gesünder leben / 07. Juni 2018

Wochenlang Nudeln ohne Soße. Noch bis ins Kindergartenalter am liebsten alles weich püriert. Nur Lebensmittel, die eine bestimmte Farbe haben: Was tun, wenn das Essen zum Problem wird?

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Das Bio-Gemüse saisonal ausgewählt, schonend dampfgegart, liebevoll angerichtet und dann das: Leo (1) verzieht beim Füttern sein Gesicht, kneift Augen und Mund zusammen. Schon nach wenigen Löffeln dreht er den Kopf weg und weigert sich, weiterzuessen. Es schmeckt ihm nicht. So geht das seit Wochen. Leos Eltern sind verzweifelt. Sie fragen sich, ob und was sie falsch machen und beginnen, ihrem Kind Alternativen zuzubereiten. Das Kind muss doch etwas Vernünftiges essen – eine verständliche Reaktion. Typisch für Eltern. 

Leo will aber nicht und das ist nicht ungewöhnlich. Viele Kinder zeigen zum Beispiel bei der Einführung von Beikost oder beim Übergang zum Familienessen vorübergehende Anpassungsschwierigkeiten. Sie haben Probleme, sich an neue Geschmacksrichtungen zu gewöhnen und reagieren zunächst mit Ablehnung. Das ist ganz normal, kann Eltern trotzdem in den Wahnsinn treiben. Wichtig ist, dass sie sich nicht entmutigen lassen, geduldig bleiben und das Lebensmittel mit einigen Tagen Abstand wieder ohne Druck zum Probieren anbieten. Wussten Sie, dass Lebensmittel bis zu 15 Mal angeboten werden müssen, bis sie angenommen werden? Streicht man das abgelehnte Lebensmittel hingegen sofort vom Speiseplan, besteht die Gefahr, dass sich das Kind einseitig ernährt. Ihm wird nur noch das gekocht, was es gerne und problemlos isst.

5 Tipps für Leckerschmecker

Kein Einheitsbrei: Vielfalt und Frische stehen auf dem Speiseplan ganz oben.
Rat vom Profi: Jesper Juul verspricht in „Essen kommen“ glückliche Momente am Familientisch. (Beltz, 19,95 Euro) 
Alle an einem Tisch: Zusammen schmeckt‘s besser: Essen Sie mindestens einmal am Tag gemeinsam mit Ihrem Kind.
Jeder darf bestimmen: Ihr Kind darf essen, was auf dem Tisch steht und selbst entscheiden, wie viel davon.
Mittendrin statt nur dabei: Je nach Alter darf Ihr Kind beim Einkauf und Zubereitung des Essens mithelfen.

Tipps und Tricks verzweifelter Eltern

Wenn die Fütterbemühungen immer wieder scheitern, beginnt irgendwann fast jeder damit, das Kind abzulenken und auszutricksen. Betroffene Eltern berichten von Essspielen und wundern sich dann, warum das Kind seine Nahrung als Spielzeug begreift. Sie lenken es ab und setzen damit sein Vertrauen aufs Spiel. Sie schimpfen oder geben auf und verderben damit die Stimmung am Tisch – mindestens. Jeder Bissen wird als vermeintlicher Erfolg gefeiert. Vergessen wird dabei, dass er gegen den Willen des Kindes in den Mund wandert – und das sollte nie das Ziel sein. Mediziner sprechen dann von einem Fütterproblem. Das Vertrauen darauf, dass das Kind selbst in der Lage ist, Hunger und Sättigung zu regeln, dass es weiß, wie viel es wann braucht, haben die Eltern verloren. Die gut gemeinte elterliche Absicht kann später fatale Folgen haben. Essen Kinder nämlich nur ihren Eltern zuliebe weiter, besteht die Gefahr, dass sie verlernen, ihr eigenes Sättigungsgefühl zu spüren. 

Fütterstörungen

Insgesamt 15 bis 25 Prozent aller Säuglinge und Kleinkinder zeigen Störungen im Essverhalten, Ärzte unterscheiden diese sechs verschiedenen Arten:

1. Generalisierte Fütterstörung: Babys mit Regulationsstörungen, die z. B. in den ersten Lebensmonaten aus nicht erkennbaren Gründen viel schreien.
2. Fütterstörung mit mangelnder Eltern-Säugling-Reziprozität: Z.B. aufgrund einer gestörten Bindung zwischen Mutter und Kind.
3. Restriktive Fütterstörung: Mangelndes Interesse an der Nahrungsaufnahme seitens des Kindes.
4. Selektive Fütterstörung: Kind lehnt Essen aufgrund von Aussehen, Geschmack, Geruch oder Konsistenz ab.
5. Posttraumatische Fütterstörung: Nahrungsverweigerung z. B. nach Beatmung oder Sondenernährung.
6. Fütterstörung bei medizinischen Begleiterkrankungen: Bei Kindern mit Organkrankheiten, z. B. einer Herzschwäche. 

„Mein Kind isst nicht“

Diese Aussage bedeutet meist: Es isst nicht das, was oder wie viel die Eltern von ihm erwarten. 

 

Es ist übrigens nicht die Menge entscheidend, die ein Kind bei den Mahlzeiten zu sich nimmt oder die als Empfehlung auf der Breiverpackung steht. Baby- und Kinderernährung sollte abwechslungsreich und altersgerecht sein, damit Kinder sich gesund entwickeln, zunehmen und wachsen. Es gilt: Klasse statt Masse. Verweigert das Kind regelmäßig das Essen oder isst nur sehr ausgewählte Lebensmittel, kann eine ernste Fütterstörung vorliegen, die es in verschiedenen Formen gibt. Dann sollten Eltern professionellen Rat bei ihrem Kinderarzt suchen. Dort kann geklärt werden, ob therapeutische Hilfe notwendig ist oder ob zum Beispiel Verhaltensänderungen der Eltern bereits zu entspannteren Mahlzeiten führen können. 

Lesetipp

Mehr zum Thema im Interview mit Dr. Nikolaus von Hofacker.

Foto: Emely/Cultura/gettyimages; Katharina Kreye; Westend61/gettyimages

Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.