Perspektive

Menschenskinder

alles wissen / 08. Juni 2018

Das lebende Kind auf dem Arm, das tote Kind im Bauch. Über Trauer, Schmerz und Trost. Ein Erfahrungsbericht.

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Es gibt da diesen Moment. Wenn man den Schwangerschaftstest in der Hand hält und die zwei rosa Streifen eindeutig ein neues Leben bestätigen. Und dann kommt ein anderer Moment. Der alles zerstört, wo vorher Sicherheit war.

Ich kenne beide Momente. Erinnere mich an beide, als wären sie gestern passiert. Diese unbändige Freude, als der Test positiv war. Bis ein anderer Moment mit der Kraft eines Brecheisens kam. Der alles zerstörte, was vorher sicher schien. Es riss mir den Boden unter meinen Füßen weg, als ich erfuhr, dass da kein Leben mehr ist in mir. Wir hatten die zwölfte Schwangerschaftswoche abgewartet und es den zukünftigen Großeltern mitgeteilt. Das erste Ultraschallbild hatten wir als Puzzle anfertigen lassen und Freudentränen vergossen, als alle realisierten, was sie da gerade zusammensetzten. Ich wähnte mich in Sicherheit. Alles, was mir gefährlich werden konnte, war nun keine realistische Statistik mehr.

Am Morgen, als wir Gewissheit bekommen sollten, dass etwas nicht stimmt, trank ich meinen Kaffee. Einen am Tag erlaubte ich mir. Da spürte ich ein Ziehen und freute mich. Kann man das Kind schon spüren? Ich googelte. Nein, viel zu früh. Erst ab der 20. SSW, ungefähr. Ich musste zur Arbeit, ich wollte es diese Woche meiner Chefin sagen. Aber ich konnte nicht, das Ziehen wurde immer schlimmer. Ich hatte Krämpfe. Das Kopfkino ging los. Panik, Schmerzen, Angst. Und Hoffnung – denn ich blutete nicht. Ein gutes Zeichen, oder? Bitte lass es ein gutes Zeichen sein! Ich fuhr zu meiner Ärztin, mein Mann konnte nicht mitkommen. Das Wartezimmer war voll. Dicke Bäuche, glückliche Paare. Sie hielten Händchen, flüsterten sich Namensvorschläge zu. Heute würden sie erfahren, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommen. Ich wünschte mir einfach nur ein Kind. Ein lebendes, ein gesundes. 

Da ist kein Herzschlag mehr 

Die Arzthelferin nahm mich und meine Beschwerden ernst und direkt dran. Meine Ärztin wurde still, ich sah das Mitleid in ihrem Gesicht, als sie mit dem Ultraschallgerät etwas suchte, das ihr und uns versicherte: „Alles gut.“ War es aber nicht. „Ich kann Ihnen sagen, dass es keinen Herzschlag mehr gibt.“ Den Rest hörte ich nicht mehr. Ich weinte und weinte. Und jetzt? 

„Ich schreibe Sie krank, gehen Sie nach Hause, warten Sie ab. In den nächsten Tagen könnten die Blutungen beginnen. Wenn nicht, kommen Sie bitte in einer Woche zurück. Sie können aber auch arbeiten gehen, wenn Sie möchten. Es ist Ihre Entscheidung.“

Der lauteste Schrei meines Lebens

Ich ließ mich krankschreiben, denn ich fiel in ein Loch und kam da nicht mehr raus. An Arbeit war nicht zu denken. Auch mein Mann und meine große Tochter schafften es kaum, mich aufzumuntern. Es war nicht einfach gewesen, schwanger zu werden. Ich ließ mich spritzen, ich schluckte Folsäure, ich stärkte meinen Beckenboden. Ich nutzte eine App, ich kaufte Ovulationstests und ernährte mich von so viel Gemüse und Obst, dass alle um mich herum dachten, ich würde einen besonderen Gesundheitsfanatismus praktizieren. Ich tat über Jahre alles Menschenmögliche, um meinen Körper zu perfektionieren. Meine Eizellen waren astrein, das Sperma meines Mannes super und meine Gebärmutter in einem Idealzustand. Und trotzdem dauerte es so lange. 

Bis zu dem besagten Moment mit den zwei rosa Streifen. Wir freuten uns so sehr und das sollte jetzt vorbei sein? Nach dem Arzttermin lag ich heulend auf dem Boden des Babyzimmers. Hier stand schon der Stubenwagen – ein Erbstück. Alles wartete darauf, für das neue Baby hergerichtet zu werden. Das Loch, in dem ich mich befand, wurde tiefer. Meine Heulepisoden länger. Die Ärztin schrieb mich eine weitere Woche krank, in der die Blutung einsetzte. Es passierte nicht viel, nichts Spektakuläres. Ich blutete und war nicht mehr schwanger. 

Irgendwann stand meine Mutter vor der Tür und ich schrie meinen Schmerz in ihre Schulter. Ganz dumpf und leise schrie ich, bis ich nicht mehr schreien konnte. So lange hielt sie mich einfach fest. Ich habe Wochen gebraucht, bis ich das Haus verlassen konnte. An dem Tag, an dem mein zweites Kind zur Welt kommen sollte, steckte ich eine Kerze in eine Rotweinflasche. Ich hatte sie an dem Tag, der alles verändern sollte, getrunken und aufgehoben. Sie erinnert mich an das tiefe Loch, aus dem ich so mühsam rausklettern musste.

Ein paar Monate später habe ich meinen Job gekündigt. Die wichtigste Stellschraube, um dem Dauerstress zu entkommen. Ich muss schauen, wie und wann es für mich beruflich weitergeht. Aber erst mal liegt da jetzt ein Baby neben mir. Es hat eine starke Mama – auch und gerade wegen der Fehlgeburt, die sie für eine Zeit aus dem Leben gerissen hat. Am Ende ist es gut gegangen. Was für ein Glück.

Experteninterview

Hebamme Sophie Theuerkauf erzählt im Interview, warum viele Frauen die Schuld an einer Fehlgeburt bei sich suchen und wie sie damit umgehen können.

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