Kolumne

Papa hat das Wort

Ingo Hildebrand / gemeinsam glücklich / 05. Juni 2018

Wie unser Kolumnist schnell und langsam neu kennenlernt.

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„Ich hab keine Zeit“, sagt Henning. Und malt seelenruhig weiter an seinem Geburtstagsbild für Oma. Es ist 7.12 Uhr. Ich stehe in der Kinderzimmertür und traue mich nicht, meinen morgendlichen Terminplan durchzusetzen. Darauf steht jetzt eigentlich frühstücken, anziehen, Zähne putzen. So geht das schon seit Jahren, und immer noch bin ich davon fasziniert, wie Kinder direkt nach dem Aufwachen sich hellwach in intensives Spielen vertiefen können. Ohne jedes Zeit- und Raumgefühl. Nach einer kurzen Schonfrist spreche ich dann doch noch einmal am Maltisch vor und mache ihm den Wechsel an den Esstisch schmackhaft. Schließlich tickt meine Elternuhr unerbittlich weiter Richtung Kindergarten und Arbeitsplatz.

Mitteleuropäische Kinderzeit (MEKZ). Ich glaube inzwischen, es gibt eine der Erwachsenenwelt verborgene, eigene Zeitebene, die MEKZ („mitteleuropäische Kinderzeit“). Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich völlig unabhängig zur offiziellen Zeit verhält, egal ob Sommer- oder Winterzeit. Auch der Sonnenstand spielt nicht wirklich eine wichtige Rolle. Diese Zeit orientiert sich eher an den Fixsternen Hier und Jetzt. Dafür spricht auch, dass Henning seine Star-Wars-Armbanduhr ausschließlich als modisches Must-have-Accessoire für sein Kita-Outfit nutzt. Die kleinen Zeiger im Gesicht von Weltraumheld Darth Vader können ruhig nach dem Mond gehen. Aber existiert nicht auch eine spezielle Elternzeit? Ja, richtig, sogar staatlich garantiert. In dieser Zeitzone fühlte auch ich mich oft wie auf einem anderen Stern, völlig losgelöst. Da dauerten Momente bis zum Einschlafen eine gefühlte Ewigkeit. Nächte verkürzten sich dagegen bis zum Nichtvorhandensein. Das väterliche Zeitgefühl machte Freudensprünge: Kaum waren die ersehnten ersten Schritte geschafft, kaum die ersten Meter mit dem Laufrad zurückgelegt, da rückten die Zeiten, in denen wir noch mit dem Kinderwagen unterwegs waren, in der Erinnerung ruckzuck in ganz weite Ferne. Die Zeiger meiner Elternzeituhr zeigten immer gespannt nach vorn.

Zeitlose Ungeduld. Mit meinem Sohn bin ich mir einig: Auch ich meine, keine Zeit zu haben. Zum Beispiel, um sie – die Zeit – festzuhalten. Seit seiner Geburt vor mittlerweile sechs Jahren plane ich ein Fotobuch mit den schönsten Familienbildern aller Zeiten. Während unzählige jpg-Dateien mehrere Festplatten füllen, warte ich bislang vergeblich auf die Zauberhand, die mir das Zeitfenster zur Produktion des Druckwerks öffnet. Wie beneide ich Eltern, die während ihrer Elternzeit die Zeit gefunden haben, von ihrem Baby im ersten Jahr jeden Tag ein Foto zu machen und daraus ein Zeitraffer-Video zu basteln (tolle Beispiele auf YouTube). Andererseits: Nach einem Mausklick ist dann innerhalb von einer Minute die Babyzeit schon wieder um. Nach der Entdeckung der MEKZ haben meine Forschungen ein weiteres Phänomen zutage gebracht: Henning kann ansatzlos zwischen den unterschiedlichen Zeitebenen wechseln. Der Beweis meiner Theorie ist die quengelnde Ungeduld. Zurzeit fragt er jeden Morgen schon beim Frühstück: „Kommt heute endlich das Paket mit dem bestellten Bastelbuch?“ 

Illustration: Andrea Stitz

 

Ingo Hildebrand profitiert als babywelt-Redakteur von seinen Elternzeit-Erfahrungen: Ein Jahr lang blieb er für seine Söhne Henning und Peter zu Hause. Zurück im Job interessiert ihn naturgemäß die Rolle der Väter in dem liebenswerten Chaos-Kosmos, der sich Familie nennt.