Vordenkerin im Portrait

Per Klick zur Hebamme

Michaela Senger / gemeinsam glücklich / 04. Juni 2018

Ob in Kiew, New York oder Hamburg – viele Frauen suchen bei Fragen rund um Schwangerschaft und Babyzeit Rat bei Sabine Kroh. Sie arbeitet als Hebamme in Berlin und auf der ganzen Welt – denn ihr Unternehmen „call a midwife“ bietet Hebammendienste online an. Hier erzählt sie, wie es dazu kam.

Vorheriger ArtikelSüße Früchtchen
Nächster ArtikelPapa hat das Wort

Dass ein Hausbesuch mich dazu inspirieren könnte, nach 28 Jahren Berufserfahrung als Hebamme ein Start-up zu gründen, hätte ich mir nie träumen lassen. Doch ein Gespräch mit einer Mutter im Rahmen der Nachsorge veränderte 2014 meinen Blick auf die Anforderungen meines Berufs von einem Tag auf den anderen. Der jungen Mutter und ihrem Baby ging es gut, im Gegensatz zu ihrer schwangeren Freundin in Kiew. Ob ich nicht mal mit ihr sprechen könne, sie wäre sehr verunsichert. Warum nicht, dachte ich. Schon bald kommunizierten wir regelmäßig via Skype, und ich war begeistert, wie gut die Beratung und Betreuung im Netz funktionierte. Selbst beim Anlegen des Säuglings zum Stillen konnte ich ihr per Videochat helfen.

Eine Nische gefunden

Neugierig begann ich zu recherchieren, wie die Hebammenbetreuung in anderen Ländern organisiert ist. Und war erstaunt: Von 23 europäischen Ländern gibt es in 19 keinen Anspruch auf Vorsorge und in 18 keinen auf Nachsorge. Da war mir schnell klar, dass es wahrscheinlich weltweit eine große Nachfrage nach qualifizierter Hebammenberatung gibt. Die Idee für „call a midwife“ (übersetzt: Ruf die Hebamme) war geboren. Heute, vier Jahre später, ist aus der Idee ein digitaler Beratungsservice von Hebammen im Internet geworden, der sich weltweit an Schwangere und Mütter mit Kind im ersten Lebensjahr richtet. Insgesamt 19 Hebammen, die neun verschiedene Sprachen fließend sprechen, unterstützen mich freiberuflich bei der Arbeit. So helfen wir nicht nur Frauen in Deutschland, sondern auch in Portugal, Italien, Spanien, Polen, Frankreich, den USA sowie der Türkei und Russland.

Das Prinzip ist einfach: Wer einen fachkundigen Rat benötigt, kontaktiert uns entweder telefonisch, per SMS oder Instant Messaging über unsere Hotline oder per E-Mail. Dafür stehen wir montags bis freitags von 10 bis 22 Uhr zur Verfügung. Für die erste Beratung rechnen wir in Deutschland 8 Euro direkt mit der Krankenkasse ab. Die Gesprächsdauer spielt dabei keine Rolle. Benötigt die Frau eine intensivere Betreuung, die mehrere Termine erfordert, kann sie zwischen zwei Angeboten wählen, die allerdings selbst bezahlt werden müssen: 1-Monat-Standby-Rufbereitschaft (49 Euro) und 3-Monate-Stand-by-Rufbereitschaft (139 Euro). Dann vermittele ich die Frau sofort an eine Hebamme aus unserem Beratungsnetzwerk, und die beiden vereinbaren schnellstmöglich individuelle Termine, an denen sie sich persönlich per Videochat unterhalten. Frauen aus dem Ausland nutzen dafür zumeist Skype. Face-to-Face-Beratungen in Deutschland erfolgen im digitalen Wartezimmer datenschutzsicher über „patientus“, einem Online-Anbieter für Video-Sprechstunden. 

Im Ausland auf sich allein gestellt

Die meisten unserer Kundinnen kommen bisher aus dem Ausland. Einige von ihnen sind ausgewanderte Deutsche, die vor Ort keine Hebammenunterstützung bekommen, aber das deutsche System schätzen, das weltweit als Bestes gilt. Zum einen, weil jede Frau in der Schwangerschaft und nach der Geburt Anspruch auf Hebammenbetreuung hat. Und zum anderen, weil wir über eine umfangreiche medizinische Ausbildung verfügen. Aus gutem Grund ist die Hebamme in Deutschland also zentrale Ansprechpartnerin für Frauen in der Vor- und Nachsorge. Nur bei Problemen, die eine genauere Untersuchung erfordern, etwa bei vorzeitigen Wehen, Bluthochdruck oder Blutungen, verweisen wir immer an den entsprechenden Facharzt. Im Ausland sind Frauen hingegen vor und nach der Geburt oft auf sich allein gestellt. Aber selbstverständlich haben sie genauso viele Fragen! Ihnen bleibt manchmal keine andere Möglichkeit, als sich im Internet zu informieren – auch weil Arztbesuche im Ausland meist teuer sind, selbst bezahlt werden müssen und der fachliche Schwerpunkt des Arztes oft ein anderer ist. Auf der Suche nach Antworten stoßen viele dann im Internet auf unsere Website und kontaktieren uns. Da sind dann auch mal Familien aus Brasilien, Südafrika, Indien oder den USA dabei. Das ist für uns interessant und herausfordernd zugleich. Denn wir müssen uns nicht nur in die Situation der Frauen hineindenken, sondern auch kulturelle Aspekte und Gegebenheiten vor Ort berücksichtigen. 

Neue Ideen braucht das Land

Sabine Froh exportiert mit ihrem Team das einzigartige deutsche Hebammensystem in die ganze Welt.

Vergleichsweise einfach ist für uns die Beratung von Schwangeren oder Frauen mit einem Baby im ersten Lebensjahr in Deutschland. Ob Schwangerschafts-Übelkeit, ein wunder Babypo, Stillprobleme oder häufiges Schreien eines Kindes – die meisten Fragen in der Vor- und Nachsorge lassen sich per Videochat beantworten. Im Internet müssten die Frauen nach der für ihre Situation passenden Antwort lange suchen. Zudem besteht die Gefahr, dass sie noch stärker verunsichert würden, da die Antworten in Foren nur selten fachlich geprüft werden und sich nicht verallgemeinern lassen. Hier wollen wir mit „call a midwife“ gegensteuern. Deshalb finden sich auf unserer Seite nur fachlich geprüfte Informationen, etwa rund um Themen wie Schwangerschaft, Geburtsvorbereitung, Geburt, Wochenbett oder das erste Jahr mit Baby. Außerdem unterstützt uns Dr. med. Larry Hinkson, leitender Oberarzt der Geburtsmedizin der Charité in Berlin, sodass wir Frauen auch bei komplexeren medizinischen Fragen gut beraten können.

Hebammen vor Ort bleiben wichtig

Dass wir inzwischen anscheinend von vielen wegen unseres Jobs bemitleidet werden, gefällt mir überhaupt nicht. Denn bei der sicherlich wichtigen Diskussion um die Bezahlung der Hebammen geht leider oft unter, dass Hebammen die freie Geburtshilfe zwar auch aus finanziellen Gründen aufgeben. Sehr vielen ist aber besonders die ständige Rufbereitschaft zu anstrengend. Kein geregeltes Leben führen zu können und ständig zu wenig Schlaf zu bekommen – das bringt einen auf Dauer an die Grenzen. Das weiß ich aus Erfahrung. Trotzdem habe ich es nie bereut, den Beruf gelernt zu haben. 

Den Hebammenmangel möchten und können wir mit unserem Beratungsservice nicht beheben. Dafür ist die Politik verantwortlich. Und selbstverständlich ist es auch für uns schöner, Frauen vor Ort zu betreuen. Aber ich finde, es ist immer noch besser, man hilft ihnen am Bildschirm als gar nicht! Außerdem denke ich, dass unser Service ein gutes Beispiel dafür ist, wie sehr sich die Gesundheitsentwicklung digitalisiert. Immer mehr Menschen werden demnächst Diagnosen mit ihrem Hausarzt per Videochat besprechen. Und es ist doch klasse, dass das mit uns Hebammen schon heute möglich ist! 

Ich bin: Sabine Kroh

... 49 Jahre alt. Examinierte Hebamme aus Berlin
... 28 Jahre Berufserfahrung: Kreißsaal, Geburtshaus, freie Geburtshilfe und in der Vor- und Nachsorge
... 2014: Gründerin des Start-ups „call a midwife“, ein internationales und digitales Beratungsportal von Hebammen für Schwangere und Familien im ersten Jahr nach der Geburt
... 2018: Gewinnerin des Awards „Unternehmerisches Herz“ – eine Initiative der Wirtschaftswoche und Würth

Foto: Kai Senf

Michaela Senger ist babywelt-Redakteurin und Mutter von zwei Kindern (7 und 10 Jahre). Ihre besondere Vorliebe gilt den kritischen Themen rund um die Baby-Gesundheit. Für ihre Beiträge trifft und interviewt sie Eltern und Experten im ganzen Land.