Wir zeigen den Kindern die Welt

Per Roadtrip durch die Elternzeit

Nele Bruns / gemeinsam glücklich / 11. Juni 2018

In einsamen Seen baden, die Abende am Lagerfeuer verbringen und im Camper übernachten: Juli und Christian hatten eine Elternzeit der etwas anderen Art. Mit ihren Zwillingstöchtern Margarete und Luisa reisten sie im Wohnmobil durch Schweden und Norwegen.

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Es gibt Dinge im Leben, die alles verändern. Die so richtungsweisend sind, dass danach nichts ist, wie es mal war. Die Psychologin Juli Goran (35) und ihr Mann Christian (36), Pilot und Fotograf, sind vor knapp zweieinhalb Jahren Eltern von Zwillingsmädchen geworden. Wenn sie sich an die Schwangerschaft und Geburt zurückerinnern, sprechen sie vom größten Glück im Unglück. Es war der Wendepunkt in ihrem Leben. Die Ereignisse der kommenden Monate sollten dafür sorgen, dass sich die junge Familie in ihrer Elternzeit auf eine lange Reise macht – sie wollten einfach nur raus. 

Alles stehen und liegen lassen …

Schon in der 12. Schwangerschaftswoche erhielten sie die Diagnose: Fetofetales Transfusionssyndrom (FFTS). Das Blut aus der Plazenta wurde nicht gleichmäßig zwischen den Kindern verteilt. Je nach Verlauf bestand die Gefahr, dass sie noch im Mutterleib sterben oder mit einem hohen Risiko von Schädigungen überleben. In der 18. Woche folgte der nächste Schock. Eines der Babys hatte eine Zyste in der Lunge, die das Herz bedenklich nach links drückte. „Wir fuhren jede Woche ins Krankenhaus, um sowohl das FFTS als auch die Entwicklung der Lungenzyste überwachen zu lassen“, erinnert sich Juli. „Es war eine intensive Zeit voller Ängste und Sorgen. Wir haben versucht, uns nicht von negativen Gefühlen überrollen zu lassen.“ In der 34. Woche kamen die beiden per Notkaiserschnitt zur Welt, die Zyste konnte operiert werden. Margarete und Luisa erholten sich schnell. Schon nach fünf Wochen durfte die Familie das Krankenhaus verlassen – zu viert. Nach den Strapazen der vergangenen Monate war das Bedürfnis groß, die Elternzeit  zu genießen. Christian hatte schon immer den Traum, einmal mit seiner Familie eine längere Reise zu unternehmen und auch Juli konnte sich sofort dafür begeistern. Der Plan: ein Roadtrip mit einem Campervan Richtung Schweden und Norwegen.

… aber nicht ohne gründliche Planung

Vier Wochen blieben sie zunächst bei Julis Eltern an der Ostsee, planten ihre Reise bis ins kleinste Detail und statteten ihr Heim auf Rädern – einen Volkswagen LT31 Florida – mit allem Notwendigen aus. Sie hatten alle Hände voll zu tun, bevor es endlich losgehen konnte. Im Juli 2017 starteten sie voller Aufregung die lange Reise – die ersten von rund 7.000 Kilometern, die sie während ihres Roadtrips in 136 Tagen zurücklegen würden. Bei der Vorbereitung der Reise standen die Gesundheit und Sicherheit der Babys immer an erster Stelle. „Wir wollten optimale Bedingungen für die Entwicklung unserer Kinder schaffen. Unser Camper wurde zu unserem Zuhause, mit allem ausgestattet, was wir benötigten“, erzählt Christian. 

Wenn sich die Umgebung fast täglich änderte, hatten die Kinder so einen sicheren Hafen, von dem aus sie die Welt erkunden konnten. Das ausfaltbare Dachbett wurde zum Kinderzimmer, in dem die Zwillinge schlafen konnten, während ihre Eltern noch aufblieben. Der Platz war natürlich beengt – doch umgeben von der Natur hatte die Familie, wo immer sie anhielt, ein mehr als großes Wohnzimmer. Und aus Babyperspektive war der Camper groß wie ein Schloss, das die Kinder neugierig erkunden konnten. Um den Zwillingen die Fahrten so angenehm wie möglich zu machen, reisten sie in sehr kleinen Etappen, manchmal nur zwei Stunden pro Tag. „Wir hatten keinen Zeitdruck und konnten uns voll und ganz nach den Bedürfnissen der Kinder richten. Das Autofahren war übrigens damals, als sie noch viel schliefen, deutlich leichter als heute. Ich empfehle interessierten Eltern daher immer, so früh wie möglich mit dem Reisen anzufangen“, sagt Juli Goran. 

Die Reise war ein wunderbares Abenteuer und Juli und Christians Erwartungen haben sich erfüllt. Ganz besonders eindrucksvoll war die große Gastfreundschaft, die der Familie in Arvidsjaur (Schweden) entgegengebracht wurde, als sie mit dem Camper für ein paar Tage liegenblieben. Dies gab ihnen Zeit, in die alte Kultur der Sami einzutauchen. Auch die Ruhe und Weite der vielen wunderschönen Orte, wie die Naturreservate Abisko und Saltfjället ließen sie tief durchatmen und staunen. Für Christian bleibt sein arktisches Surferlebnis auf den Lofoten einer der Reisehöhepunkte. Nicht zu vergessen der magisch anmutende Tanz der Nordlichter und das Auftauchen einer ganzen Orkafamilie an der norwegischen Küste. 

Aber es waren auch die kleinen Dinge, wie das Baden in Seen oder gemütliche Abende am Lagerfeuer, die den Roadtrip zu einer entschleunigten Zeit zu viert gemacht haben. Abends, wenn die Kinder oben im Dachzelt eingeschlafen waren, hatten Juli und Christian Zeit für Gespräche, ein Brettspiel, einen heißen Kakao – und auch für Zukunftspläne. Die Reise war genau das, was die Familie in dieser Phase ihres Lebens am meisten gebraucht hat.

Die Globetrotter

Einmal um die halbe Welt: In unserer Reportage berichten Tanja und Christian Roos von ihrer Auszeit mit den Kindern in Neuseeland, Australien und New York.

Die Welt wartet …

… auf reisende Familien. Warum das so ist, erzählt Tourismusexpertin Viola Ehrig im Interview.

Foto: Familie Roos; Jule Fink; Halfpoint/iStock/gettyimages; Stephanie Schulz; Viola Ehring
Illustration: Miriam Frömming

Nele Bruns ist Chefredakteurin des babywelt-Elternmagazins. Ihre Töchter Leni (6) und Emma (3) liefern ihr täglich die besten Inspirationen für neue Geschichten aus dem Familienleben. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dabei ein ständiger Begleiter.