Free Time – Me Time

So viel Zeit muss Dein sein!

Farina Schmidt-Degenhard / rundum wohlfühlen / 07. Juni 2018

Die goldenste aller Hebammenregeln lautet: Schlafen, wenn das Baby schläft, schont die Kräfte. Doch was, wenn die Zeit der unbegrenzten Nickerchen zu Ende geht? Warum Pausen immer wichtig sind und wie es tatsächlich läuft zwischen Eltern und Me Time. 

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Eltern sein. Eine Aufgabe, die uns rund um die Uhr, alle Tage im Jahr beschäftigt, körperlich und mental. Und weil zur Familienarbeit ja meist auch Erwerbsarbeit kommt, hat man schnell von allem zu viel und von einem zu wenig: Zeit für sich. Dabei ist sie so wichtig, um gut durch den Alltag zu kommen und uns selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Stichwort Selbstfürsorge. 

Alle brauchen Ruhe – nur jeder anders. Jeder Mensch erlebt Anstrengung anders und hat seine Vorstellungen von einer idealen Pause: Manche ziehen sich mit Buch und Tee in die Erholsamkeit der Badewanne zurück, andere werden aktiv oder treffen sich mit Freunden. Was guttut, entscheidet jeder für sich. Weil das mit den freien Zeitinseln aber manchmal leichter gesagt ist als getan, erzählen Eltern auf diesen Seiten, wie es bei ihnen klappt mit der Me Time im Alltag.

Vorab: Vier Tipps für den Anfang 

  1. Ein Date mit mir selbst: Wenn die Auszeit im Familienkalender eingetragen wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Alltag sich nicht dazwischendrängt.
  2. Feste Besuchszeiten abmachen: Oma und Opa gehen mit den Enkeln zum Kinderturnen – und Sie? Ab auf die Yogamatte! Sollten die Großeltern nicht in der Nähe sein, vermitteln verschiedene Organisationen „Leihomas“ und „Leihopas“. 
  3. Heute ihr, morgen wir: Verabreden Sie mit befreundeten Eltern, dass die Kinder abwechselnd bei der einen und der anderen Familie spielen.
  4. Weniger ist mehr: Kein freier Nachmittag in Sicht? Manchmal reicht schon eine Viertelstunde zum Auftanken. Die Kinder spielen? Das Baby schläft? Machen Sie es ihnen nach und verbringen die Zeit nur mit sich, ihren Gedanken und einem Kaffee.

Jubel, Trubel, Pause machen

Juliane: „Pause machen. Klingt banal, kann aber so schwierig sein. Mit drei kleinen Kindern und einem Vollzeitjob beginnt mein Tag gegen halb sechs und endet abends um neun. Dazwischen gibt es kaum ruhige Momente. Selbst in meiner Mittagspause kümmere ich mich um Erledigungen für die Familie – damit wenigstens die Abende halbwegs mir gehören. Wobei: Auf dem Sofa sitzen und einen Spielfilm schauen lässt sich wunderbar mit Laternenbastelei oder Kinderklamottenshopping verbinden. Umso wichtiger sind richtige Auszeiten. Da geht’s nur um mich. Immer mittwochs kommt meine Schwiegermutter und passt auf die Kinder auf, der Abend gehört dann mir allein. Zur Gesangsstunde, Essengehen mit Freunden, Hauptsache ich bin draußen und der Alltag kurz mal außen vor. Ganz besonders schön ist das Wellnesswochenende, das mache ich einmal im Jahr und es tut mir richtig gut.“ 

Paul: „Wenn andere Feierabend haben, sitze ich noch im Homeoffice. Einerseits ist es toll, dass mein Arbeitgeber, eine große Agentur, beim Thema Arbeitszeiten so flexibel ist und ich schon um 15.15 Uhr das Büro verlassen kann. Andererseits verteilt sich meine Erwerbsarbeit dadurch über den Tag und läuft im Hinterkopf immer mit. Das ist aber in Ordnung für mich. Meine Pausen ergeben sich automatisch. Die zwei Stunden Pendelei zum Büro in Berlin-Mitte pro Tag, in denen ich lesen kann, die eine Stunde am Abend, die ich zu lange wach bin, wenn die Familie schon schläft, und manchmal sind es auch nur die berühmten paar Minuten im Badezimmer, die ich für mich habe. Richtige Auszeiten nehme ich nicht. Ich träume manchmal davon, eine Woche in einem Ferienhäuschen im Winter irgendwo an der See zu verbringen. Keine Menschenseele, kein Trubel, nur ich und ganz viel Zeit. Wenn die Kinder größer sind vielleicht.“

Wenn Raum und Zeit fehlen

„Bei uns ist echt immer was los. Mein Mann und ich sind selbstständig und haben zwei Restaurants und eine Weinhandlung. Alles in einem Gebäude. Oben drüber wohnen wir mit unseren drei Kindern. Wir gehen nur die Treppe runter und stehen schon in unserer Restaurantküche. Außerdem arbeite ich zusätzlich in einem Minijob als Köchin. Seit ein paar Monaten leben wir quasi auf einer Baustelle: Bislang wohnen wir zu fünft auf ziemlich engem Raum, etwa 30 m². Jetzt verbinden wir unsere Wohnung mit der nebenan. Das dauert und zerrt an den Nerven. Unsere großen Töchter gehen bis nachmittags in die Schule, die Kleine kommt im Sommer in die Kita. Wenig Raum und Zeit für Pausen. Trotzdem bin ich zufrieden mit meinen kleinen Auszeiten, auf die ich gut achte. Meistens ergibt sich spontan ein kurzes Zeitfenster nur für mich. Und das nutze ich dann ganz bewusst, mit Lesen oder Stricken zum Beispiel. Dabei kann ich am besten abschalten, ich bin dann ganz bei mir. Wenn ich mich für 20 Minuten in die Hängematte lege und die Augen schließe, kreisen die Gedanken manchmal noch um die nächste Weinbestellung oder wann ich die Große zum Reiten bringen muss. Auch wenn es ein besonders stressiger Tag ist – Zeit für einen Kaffee nehme ich mir trotzdem. Als die Töchter noch kleiner waren, haben wir gemeinsam Pause gemacht. Jetzt erkläre ich ihnen, dass die nächsten Minuten nur mir gehören, und das verstehen sie. Ich finde, das klappt gut bei uns.“

Zuständig für alles und ihn

„Der Weg ins Büro ist fest als Pause eingeplant. Im Auto kann ich das Radio aufdrehen und bin sofort frei vom Alltag. Als alleinerziehende berufstätige Mutter bleibt nicht viel Zeit für mich. Und oft sind die Tage so trubelig und arbeitsam, dass ich ganz vergesse, mich um eine kurze Auszeit zu kümmern. Dabei sind sie mir eigentlich wichtig, die kleinen Zeitinseln, die nur mir gehören. In Ruhe einen Kaffee auf dem Balkon trinken, eine Zeitschrift lesen oder DIY-Projekte aushecken und umsetzen. Sie ergeben sich, wenn mein Sohn schläft oder ganz versunken in sein Spiel ist. Sobald er meine Aufmerksamkeit braucht, wende ich mich wieder ihm zu. Natürlich sind mir die Bedürfnisse meines Kindes wichtig. Und weil ich allein für ihn da bin, ist es auch meine alleinige Aufgabe, zu schauen, was er braucht. Umso wichtiger, dass ich genug Kraft habe und es mir gut geht. Und auch auf meine eigenen Bedürfnisse höre. Die verlangen am Ende eines langen Tages vor allem nach einem: Ruhe. Wenn er schläft, tut es mir so gut, mich einfach aufs Sofa mitten in die Stille zu legen. Sogar die Geräuschkulisse des Fernsehers stört mich dann. Wenn ich mir was wünschen dürfte, hätte ich gern einen freien Abend in der Woche. Da würde ich raus aus der Wohnung und zum Sport gehen oder mich mit Freunden treffen. Oder vielleicht mal einen Tag durch eine fremde Stadt bummeln und mich treiben lassen. Doch das ist im Moment einfach nicht drin. Es ist aber in Ordnung so. Alles hat seine Zeit.“

Foto: Westend61/gettyimages; privat

Illustration: Miriam Frömming

Farina Schmidt-Degenhard ist Projektmanagerin in der babywelt-Redaktion und nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Martha frisch aus der Elternzeit in unser Redaktionsteam zurückgekehrt. Ihr großes Talent zum Schreiben und ihre Erfahrungen als zweifache Mutter machen sie für uns zu einer unverzichtbaren babywelt-Redakteurin und Kolumnistin.