Familienportrait

Von Anfang an zu zweit

Farina Schmidt-Degenhard / gemeinsam glücklich / 06. Juni 2018

Nichts ist so spannend wie der Blick durchs Schlüsselloch. An dieser Stelle fragen wir Eltern, was sie bewegt und wie sie leben. Diesmal: Von Anfang an zu zweit – die kleine Familie von Ann-Christine und Jonah.

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Es ist Nachmittag, Ann-Christine Maasberg und ihr Sohn Jonah kommen gerade von der Kita. Hinter ihnen liegt ein Tag, der früh begann und vor ihnen ein Abend, der spät enden wird. Jetzt gerade sind sie mittendrin und freuen sich auf die gemeinsamen Stunden. Klingt nach dem typischen Alltag eines berufstätigen Elternteils. Die eine Tageshälfte im Job, die andere mit der Familie. Der ständige, zehrende Spagat zwischen Erwerbs- und Carearbeit. Wie gut, dass man sich da wenigstens die Familienarbeit teilen kann. Oder? Bei Ann-Christine wird nichts geteilt, sie ist für alles allein zuständig und verantwortlich. Ihre Familie besteht aus Jonah und ihr. Dass das so ist, hat sie selbst entschieden. Als ihr Sohn gerade mal ein paar Tage alt war, zog sie aus der gemeinsamen Wohnung aus, blieb aber in Bielefeld. Endgültig getrennt hat sie sich, da war Jonah 1,5 Jahre alt. Den Vater sieht Jonah im Moment eher unregelmäßig, Ann-Christine erzieht ihren Sohn allein. Manchmal wundert sie sich schon, wie sie das alles bewältigt. 

Vereinbarkeit: Einen Tag pro Woche arbeitet die Stadtplanerin im Homeoffice. Ist Jonah krank oder drängt ein Projekt, kann sie auch abends den Rechner anschalten. Das erleichtert vieles. 
Fernweh: Der nächste Urlaub steht bald an. Die zwei fahren nach Portugal – noch kann Ann-Christine allein entscheiden, wohin die Reise geht.
Familienritual: Samstagmorgens geht’s zum Markt direkt vor der Haustür. Die beiden suchen gemeinsam Blumen, frische Brötchen und kleine Köstlichkeiten fürs Wochenende aus.
Organisationstalent: Planen, organisieren, sich kümmern. Ann-Christine behält immer den Überblick – nicht umsonst ist sie Stadtplanerin geworden. 
Lebensräume: Ihre Wohnung ist wunderschön und liegt zentral, ist aber leider zu klein. Sobald Jonah ein eigenes Zimmer braucht, steht ein Umzug an. Bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist nicht leicht.

Der Tag startet in Ruhe 

Morgens ist Ann-Christine wie immer früher als Jonah aufgestanden. Sie hat sich einen Kaffee gekocht und sich ganz in Ruhe auf den Balkon gesetzt. Für einen Moment war sie einfach nur Ann-Christine, nicht Mama, nicht Stadtplanerin, nicht Freundin oder Tochter. Ein guter Start in den Tag. Als Jonah wach wird, gehen die beiden zusammen in die Küche und verbringen ein paar Minuten miteinander. Sie schauen sich ein Bilderbuch über den Straßenverkehr an, Jonah schiebt dazu Fahrzeuge über den Tisch und dann ist es Zeit, dass sich die beiden auf den Weg in den Tag machen. Gegen halb neun kommt Jonah in der Kita an, 45 Minuten später sitzt Ann-Christine in Herford im Büro. Als Stadtplanerin ist sie für die Bauleitplanung zuständig, sie kümmert sich unter anderem um die Nachnutzung militärischer Flächen. 

„Früher war ich auch abends noch oft in Gedanken bei einem Projekt und habe mir Lösungen überlegt. Das schaffe ich jetzt natürlich nicht mehr so intensiv. Das ist o.k.“ Seit Jonah ein knappes Jahr alt ist, arbeitet sie in Teilzeit, 25 Stunden pro Woche. Sie kehrte mit großer Vorfreude in ihren alten Job zurück. Die Arbeit hatte ihr gefehlt. Wie gut, dass Ann-Christines Arbeitgeber viel Verständnis für ihre Situation als Alleinerziehende hat. Er gibt ihr die Freiräume, die sie braucht, um Arbeit und Familie zu vereinbaren. Sie hat gelernt, effizienter zu sein. Mittagspausen mit Kollegen fallen weg, zu eng ist ihr Arbeitstag getaktet. Spontan länger im Büro bleiben ist meistens nicht drin, denn nur sie allein ist dafür zuständig, Jonah pünktlich aus der Kita abzuholen. Alles, was aus der Reihe fällt, muss vorher geplant werden. Ihre Mutter kommt dann oft und kümmert sich um Jonah. „Sie ist eine große Unterstützung. Ohne sie wäre nicht alles machbar. Im Winter hatte mich eine ordentliche Grippe erwischt. Ein paar Tage lang waren Jonah und ich bei ihr. Ich konnte gesund werden und Jonah wurde umsorgt.“ 

Ann-Christine hat alles im Griff. Sie fühlt sich finanziell nicht schlechter gestellt als andere Familien, auch wenn sie vom Ehegattensplitting ausgeschlossen ist. Ihre steuerliche Belastung ist höher als die des Hauptverdieners in einer Familie mit verheirateten Eltern. Dabei ist Ann-Christine ja nicht nur Haupteinkommensquelle, sondern auch Alleinverdienerin. Diese Ungerechtigkeit des Sozialsystems nimmt sie nicht wahr. Ein Privileg, das viele Alleinerziehende nicht haben. Es stören sie andere Themen: „Wenn jemand erfährt, dass ich Jonah allein erziehe, werde ich oft bedauert. Jeder denkt erst mal, dass es mir mit der Situation schlecht geht und ich leide. Jonah und ich werden in eine Schublade voller Mitleid gesteckt. Warum denn? Nur weil wir zu zweit sind? Uns geht es gut. Wir sind eine tolle Familie – aktuell eben ohne männlichen Part. Aber wer weiß, was das Leben noch so bringt?“  

Nachmittags schlendern die beiden zur Eisdiele und setzen sich in die Sandkiste auf den Spielplatz. „Eigentlich paradox: Mein Leben mit Kind ist eindeutig langsamer und trotzdem anstrengender geworden. Ich mache weniger Pläne und nehme die Dinge, wie sie kommen“, sagt Ann-Christine und lächelt. Abends, wenn Jonah im Bett liegt, hat sie wieder Zeit für sich  – Me Time wie man so schön sagt.

Wie Ann-Chrstine diese nutzt – und wie andere Mütter sich Me-Time-Inseln im Familienalltag schaffen, das lesen Sie hier.


Foto: Patrick Pollmeier

Farina Schmidt-Degenhard ist Projektmanagerin in der babywelt-Redaktion und nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Martha frisch aus der Elternzeit in unser Redaktionsteam zurückgekehrt. Ihr großes Talent zum Schreiben und ihre Erfahrungen als zweifache Mutter machen sie für uns zu einer unverzichtbaren babywelt-Redakteurin und Kolumnistin.