Die Achterbahn der Emotionen

Wie fühlst du dich?

Sascha Otto / alles wissen / 07. Juni 2018

Egal, ob wir vor Freude lachen oder weinen: Nichts ist so überwältigend wie unsere Gefühle. Kein Wunder, dass die emotionale Entwicklung kleine Weltentdecker und ihre Eltern vor große Aufgaben stellt. Um auf der Klaviatur der Gefühle spielen zu lernen, braucht es vor allem eins: gute Vorbilder.

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Emotionen sind unsere ständigen Begleiter im Leben. Das Muster, das in uns Gefühle auslöst, ist dabei im Grunde immer das gleiche. Ein Beispiel: Jemand überbringt Ihnen eine Nachricht (in der Psychologie „Anlass“ genannt) – etwa: „Sie sind schwanger!“ Diese Botschaft nehmen Sie positiv auf (Bewertung des Erlebten). Sie spüren, wie es im ganzen Körper zu kribbeln beginnt (körperliche Reaktion) und ein Lächeln legt sich auf Ihr Gesicht (Emotionsausdruck). Auf diese Weise schicken uns Emotionen jeden Tag aufs Neue auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Schritt 1: Gefühle zeigen

Von alledem weiß Ihr Baby noch nichts. Es muss die Fähigkeit, Emotionen mithilfe von Sprache oder Mimik auszudrücken, erst erlernen. Ein Säugling begnügt sich zunächst damit, zwischen Ruhe und Unruhe zu unterscheiden. Damit hat er – oder vielmehr Sie als seine Eltern – zunächst alle Hände voll zu tun. Ihr Baby hat sein Umfeld gut im Blick, baut eine Beziehung zu Ihnen auf und beginnt schnell, zu interagieren – und zwar mithilfe des Emotionsausdrucks. 

Etwa ab dem dritten Lebensmonat entwickelt es die sogenannten Basisemotionen, die sich bei allen Kindern auf der Welt gleich entwickeln – die menschliche Standardausstattung sozusagen. Mit ihnen können Kinder Überraschung, Ärger, Interesse, Freude, Traurigkeit und Angst zeigen und nachempfinden. Sie können Informationen aus ihrer Umwelt aufnehmen und lernen, diese zu interpretieren und für den eigenen Emotionsausdruck zu nutzen.

Schritt 2: Gefühle erkennen

Die Formel für die emotionale Entwicklung von Kindern lautet daher: „Erkennen, fühlen, benennen.“ Am Anfang steht also die Wahrnehmung. Schon mit der sechsten Lebenswoche können die Kleinen etwa eine vertraute Stimme erkennen und am Klang deuten, ob ihr Besitzer gerade gut oder schlecht gelaunt ist. Mit den Informationen aus seiner Umwelt verknüpft Ihr Kind nach und nach Emotionen und ihren Ausdruck miteinander und setzt diese mithilfe von Mimik, Gestik und Lauten um. 

Auch die Regulation seiner Emotionen muss Ihr Kind erst lernen. Darunter versteht man die Fähigkeit, mit den eigenen sowie den Gefühlen anderer zurechtzukommen. In seinen ersten Lebensjahren geht es vor allem darum, dass Ihr Kind lernt, Dauer und Intensität der Emotionen zu kontrollieren. Häufig entwickeln Kinder einfache Rituale zur Selbstberuhigung, etwa das Lutschen am Daumen. Meist sind allerdings Sie als Eltern gefragt: Zuverlässig und verständnisvoll zu reagieren, ist jetzt besonders wichtig.

Ihr Kind erfährt so, dass seine Gefühle wichtig sind. Das stärkt seinen Umgang mit ihnen und sein Selbstwertgefühl. Am Ende des ersten Lebensjahres, hat Ihr Kind bereits einen Grundstock an emotionaler Kompetenz gesammelt. Allerdings kann es sich noch nicht in andere hineinversetzen oder Zusammenhänge zwischen einer Emotion und ihrem Anlass herstellen. Wenn Ihr Kind also anfängt zu weinen, wenn es ein anderes weinendes Kind sieht, dann ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht selbst traurig oder wütend. Es hat sich von den Gefühlen des anderen Kindes anstecken lassen. 

Emotionen schicken uns auf eine Achterbahnfahrt. Ihr Kind ahnt davon noch nichts. Es muss die Fähigkeit, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, erst lernen.
Wenn Ihr Kind sprechen lernt, kann es bald seine eigenen und die Emotionen anderer in Worte fassen – damit ist wieder ein großer Schritt in der kindlichen Entwicklung getan.
Eine innige und positive Beziehung zu seinen Eltern bildet für Ihr Kind den Rahmen, in dem es seine Emotionen entdecken kann und lernt, diese auszuleben.

Schritt 3: Gefühle benennen

Ab dem zweiten Lebensjahr nimmt die emotionale Entwicklung Fahrt auf. Dank des wachsenden Wortschatzes ist Ihr Kind nun dazu in der Lage, Emotionen zu benennen. Natürlich hat es seine Gefühle noch nicht in ihrer ganzen Komplexität durchdrungen. Aber es weiß nun zum Beispiel schon sehr genau, dass Weinen eine negative und Lachen eine positive Emotion ist. Dementsprechend gezielt kann es sein Emotionsvokabular einsetzen und ausbauen. Auch die Umwelt wird nun immer wichtiger: Ihr Kind versucht, sich in andere hineinzuversetzen und möchte verstehen, was das jeweilige Gefühl ausgelöst hat. Durch diese intensive Auseinandersetzung entwickelt es die sogenannten sekundären Emotionen: Neid, Schuld, Scham und Stolz. 

Emotionen sind ein großer Antriebsmotor für die sprachliche Entwicklung. Ihr Kind möchte mitteilen, warum es stolz, ängstlich oder glücklich ist. Gerade in dieser Phase ist es darum wichtig, dass Sie über Gefühle sprechen und dass Sie helfen, die Emotionen Ihres Kindes zu lenken, bis es sie eigenständig regulieren kann. Durch eine gezielte Moderation unterstützen Sie es, sich in andere hineinzuversetzen – ein wichtiger Schritt für seine soziale Entwicklung.

Schritt 4: Gefühle ausleben

Im dritten Lebensjahr ist die emotionale Entwicklung so weit fortgeschritten, dass das, was Ihr Kind fühlt, und das, was es ausdrückt, zwei verschiedene Paar Schuhe sein können. Ihr Kind kann nun Gefühle vortäuschen oder sie verstecken. Natürlich sind die Kleinen keine geborenen Pokerfaces und als Eltern können Sie solche Momente häufig schnell durchschauen. Und doch sagt diese Entwicklung viel darüber aus, über wie viel emotionale Kompetenz Kinder jetzt schon verfügen. Dazu gehört auch, dass die Kleinen nun wissen, dass Emotionen nicht nur von äußeren Umständen, sondern auch durch innere Prozesse, negative Gedanken und Erinnerungen ausgelöst werden können. Und das jeder Mensch Gründe dafür hat, traurig oder glücklich zu sein.

Nun steigt auch der Wunsch nach Selbstständigkeit und viele Kinder (und Eltern) lernen die Emotion „Wut“ in einer neuen Dimension kennen. Herzlich willkommen in der Autonomiephase! Heute weiß man, dass das Gehirn in den „Kampf oder Flucht“-Modus schaltet, wenn Kinder von ihren Gefühlen überrollt werden. Unseren Vorfahren vor Urzeiten hat dieser so manches Mal das Leben gerettet. Konkret besteht der Überlebenstrick darin, in solchen Situationen nicht mehr ansprechbar zu sein, sondern nur noch wegzurennen oder wie verrückt herumzuwüten. „Sind unsere Kinder in diesem Modus, ist jede Ansprache unnütz. Der einzige Weg da raus führt über die Entspannung: Lässt der Stresspegel im Gehirn nach, erwacht auch der fürs Denken und Sprechen zuständige Teil des Gehirns wieder“, schreibt Autorin Nora Imlau.

Lesetipp

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Foto: Catherine Delahaye/Taxi/gettyimages; Severin Schweiger
Illustration: Andrea Stitz 

Sascha Otto ist babywelt Redakteur und beschäftigt sich intensiv mit der physischen und psychischen Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern. Er schreibt regelmäßig für das Elternmagazin und betreut seit Beginn an die Serie „Weltentdecker“.