Interview mit Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster

Attachment Parenting in der Praxis

gemeinsam glücklich / 02. März 2017

Der bindungsorientierte Umgang ist mehr als ein Erziehungstrend. Aber mit dem Begriff „Attachment Parenting“ fremdelt einer der bekanntesten Vertreter trotzdem. 

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Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und vierfacher Vater. 

Sie gelten unter jungen Eltern als Vertreter des„Attachment Parenting“ – identifizieren Sie sich überhaupt mit diesem Begriff? 

Ich mag ihn überhaupt nicht. Attachment und auch Bindung, das klingt doch irgendwie nach Festbinden, nach Vereinnahmung – und darum geht es ja gar nicht. Gelungene Bindung steht doch im Grunde für gelungene Beziehung. Und da ist Bindung und Freiheit nicht zu trennen: Wer sich sicher fühlt, kann mutig sein. Wer sich wertvoll fühlt, hat strahlende Augen. Wer Vertrauen erfährt, kann in die Welt aufbrechen. Auch klingen die Begriffe wie ein Programm, schon das geht mir komplett gegen den Strich. 

Haben Babys, deren Eltern sie stillen, tragen, nah bei sich schlafen lassen und feinfühlig auf ihreSignale reagieren, tatsächlich eine bessere Bindung?

Dass die Welt gut, stimmig und sicher ist, erfahren Babys über alltägliche Beziehungen: Sind diese verlässlich? Werden meine Bedürfnisse erkannt und gestillt? Aus diesen Erfahrungen bildet sich das Urvertrauen: Hier bin ich sicher, hier bin ich bedeutsam, dies ist ein gutes Zuhause. Viele dieser Erfahrungen sind tatsächlich körperliche Erfahrungen – dass es geschützt ist, erfährt das Baby nun einmal nicht über das Babyfon, sondern indem es seine vertrauten Eltern ganz unmittelbar spüren kann. Auch können Eltern die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Babys besser erkennen, wenn sie ihnen auch körperlich nah sind. Insofern kann man für das Leben mit kleinen Kindern schon sagen: Die körperliche Nähe schafftSicherheit für die Beziehung. 

Herbert Renz-Polsters Buch Kinder verstehen (Kösel, 19,95 Euro) gilt im deutschsprachigen Raum als Bibel einer bedürfnisorientierten Erziehung. 
www.kinder-verstehen.de 

Gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass sich Stillen, Tragen und das Schlafen im Familienbett positiv auf die Entwicklung von Kindern auswirken?

Wissenschaftlich kann gezeigt werden, dass etwa das Tragen im Tragetuch den Aufbau von emotionaler Sicherheit unterstützen kann. Ähnliches gilt für das Stillen. Aber da gilt es dann unbedingt gleich ein Missverständnis auszuräumen: Bindungsorientierte Elternschaft besteht nicht darin, die Kinder nach einem bestimmten Schema zu behandeln und ihnen bestimmte Zutaten sozusagen ins Nest zu legen. Auch mit Kinderwagen und Fläschchen lässt sich Bindung, Beziehung und Wertschätzung leben! Und umgekehrt können auch aus gestillten Tragekindern problematische Erwachsene werden. Es kommt auf unsere Haltung an, eben dass wir uns auf das Kind und sein So-Sein, seine Bedürfnisse, seine Lebensart einstellen können. Das ist es, was das Kind stärkt – und uns selber auch. 

Spricht das Interesse an der bindungsorientierten Elternschaft für einen neuen Erziehungstrend unter vielen, oder ist es sogar ein Indiz für einen gesellschaftlichen Wandel?

In unserer anonymen Welt ist es verständlich, dass sich Eltern auf dasWesentliche besinnen wollen, auf das, was menschlich ist: Beziehungen pflegen, sich begegnen, sich wahrnehmen. Für mich ist das ein Hoffnungszeichen. Eltern laufen so oft in die gleiche Falle: Sie meinen, ihre Babys müssen so oder so sein, sie müssen das können und jenes, früh durchschlafen und ihre Talente beweisen. Da geht es nicht um das Kind, sondern um das, was es zu sein hat.

Gibt es auch ein „zu viel des Guten“, können Eltern es mit der Bindung übertreiben?

Nein, von dieser Haltung kann ein Mensch nicht genug bekommen, sein Leben lang nicht! 

Fotos: Matthias Ritzmann // Corbis // Getty Images, Anja Doehring, Kösel Verlag
Illustration: Andrea Stitz