Themen Ausgabe 1 / 2017

Ammenmärchen: Babyschlaf

Die Attachment-Parenting-Kolumne

gemeinsam glücklich / 02. März 2017

Man hört sie immer wieder: fragwürdige Sätze rund um das Leben mit Kindern. Meistens sind es Ammenmärchen, oft falsche Annahmen und manchmal auch Unterstellungen. Wir möchten mit den üblichen Erziehungs-Irrtümern aufräumen und Eltern darin unterstützen, ihren eigenen Weg zu gehen. Deshalb nimmt sich ab dieser Ausgabe Autorin Nora Imlau in einer eigenen Kolumne einen dieser Sätze genauer vor und betrachtet ihn aus bindungsorientierter Sicht. Diesmal: "Babys müssen alleine schlafen".

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Das bin ich: Nora Imlau

  • Journalistin und Fachautorin für Familienthemen 
  • Mutter von drei Kindern, Jakob (Foto) ist der Jüngste 
  • Autorin mehrerer Ratgeber: u. a. Schlaf gut, Baby!, Das Geburtsbuch und Mein kompetentes Baby.
  • Attachment Parenting  habe ich als Studentin in Kanada beim Babysitten kennen und schätzen gelernt. 

www.nora-imlau.de

Der kleine Tayo ist müde. Sein Blick wird glasig, die Händchen reiben unruhig im Gesicht herum, er gähnt. Seine Mutter Zola zögert nicht lange: Sie legt ihren kleinen Sohn an die Brust, wiegt ihn sacht, zischt beruhigend – und Tayo schläft ein.

Szenenwechsel: Wir befinden uns nun nicht mehr an einem Lagerfeuer im Stamm der Nso in Kamerun, sondern in Deutschland. Der kleine Max ist müde. Sein Blick wird glasig, die Händchen reiben unruhig im Gesicht herum, er gähnt. Seine Mutter Nadine legt ihn ins Gitterbett, macht die Spieluhr an und geht aus dem Zimmer. Doch Max schläft nicht. Er weint. Nadine, die draußen im Flur steht, ist hin- und hergerissen: Sollte sie gleich wieder reingehen? Oder besser einen Moment abwarten? Vielleicht sich zusammen mit Max ins große Bett kuscheln? Es ist ein Kampf zwischen Kopf und Herz, zwischen Mutterinstinkt und den mahnenden Stimmen der anderen: „Babys müssen alleine einschlafen, um durchschlafen zu können. Wenn du ihn jetzt wieder rausnimmst, hat er gewonnen."

Diesen Konflikt kennen fast alle Eltern hierzulande – und er macht ihnen und ihren Babys unnötig das Leben schwer. Denn dass vom Kinderarzt bis zur Schwiegermutter so viele behaupten, Babys müssten alleine einschlafen, hat einen einfachen Grund: Längst überholte Erziehungstipps aus der Nazi-Zeit prägen noch immer unser Bild vom Baby. Die Angst vor dem Verwöhnen, die Sorge, zu weich zu sein – sie sind Relikte aus einer Zeit, in der Kinder gestählt und abgehärtet werden sollten, statt begleitet und geliebt. Einen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass es Babys guttun würde, allein zu schlafen, gibt es jedenfalls nicht. Im Gegenteil! Ein Blick in andere Kulturen, aber auch in unsere Geschichte zeigt: Menschenbabys sind nicht dafür gemacht, alleine einzuschlafen. Intuitiv suchen sie die Nähe eines vertrauten Erwachsenen, und je älter sie werden, desto stärker wird dieser Drang. So gibt es durchaus Babys, die mit drei Monaten (fast) allein in den Schlaf finden – und ein halbes Jahr später ist nicht mehr daran zu denken. Ein Rückschritt? Nein, eine ganz normale Entwicklung: Nähe bedeutet Sicherheit. Wer auf eigene Faust die Welt entdeckt, braucht zum Schlafen eben mehr Rückversicherung. 

Höchste Zeit also, die skeptischen Stimmen aus unseren Köpfen zu verbannen und stattdessen lieber an Zola zu denken, die stolze Nso-Mutter, der gar nichts anderes in den Sinn kommt, als ihr müdes Baby in den Schlaf zu wiegen. Denn sie weiß: Gestillte Bedürfnisse verschwinden. Und aus geborgenen Babys werden einmal starke, mutige Erwachsene.

Das Thema der nächsten Kolumne (Heft 2.17 erscheint am 16.6): Warum man Babys nicht verwöhnen kann.

Fotos: Matthias Ritzmann // Corbis // Getty Images, Christoph Luttenberger