Der Weg zum neuen Körpergefühl

Mombody to love

Nele Bruns / rundum wohlfühlen / 09. November 2017

Eine Frau bekommt ein Kind. Doch nicht nur das: auch Speckröllchen, Dehnungsstreifen und schlaffe Haut gibt es dazu. Meistens jedenfalls. Wie wir mit diesen Veränderungen umgehen, zeigt: Den eigenen Körper für seine Leistung zu feiern, ist wichtig. Aber auch nicht alles.

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So liebend wie Kinder ihre Mütter anschauen, so bewundernd wie sie den Körper betrachten, der sie geboren hat, bewerten Mütter sich selbst nur selten. Kein Wunder: Kinder kennen auch noch keine Schönheitsideale und himmeln natürlich alles an, das sich ihnen mit viel Liebe und Nähe zuwendet, kann man einwenden. Sie wissen es nicht besser. Aber was ist passiert zwischen der kindlichen Unbekümmertheit und dem selbstkritischen Blick auf Speckpölsterchen, Narben und schlaffe Haut? Warum können wir die natürlichen Veränderungen nicht annehmen und es schaffen, uns wohlzufühlen? Müssen wir das überhaupt? Macht nicht auch das schon wieder Druck? 

Schönheitsideal im Speckmantel

Der Körper einer Mutter – im Internet übrigens „Mombod“ genannt – hat Schwangerschaft und Geburt gemeistert, mit allen Strapazen und Schmerzen. Vielleicht ist seine Haut an der ein oder anderen Stelle gerissen, vielleicht haben seine Kräfte nicht mehr gereicht. Am Ende aber hat er ein kleines Leben hervorgebracht, das er (meistens) sogar selbst ernähren kann. Irgendwann fallen ihr die Veränderungen auf. Vielleicht stören sie, vielleicht sind sie egal. Vielleicht werden sie gehasst oder bekämpft, vielleicht angenommen oder sogar geliebt. Wie Frauen mit ihrem Körper und seinen Veränderungen umgehen, ist individuell verschieden. Ob Bodypositivity oder Bodyshaming vor dem Spiegel herrscht, hat auch damit zu tun, wie groß der eigene und der gesellschaftliche Druck ist, der bei diesem Thema auf den mütterlichen Schultern lastet – mal wieder.

Buchtipp

„A Beautiful Body Project“ mit ehrlichen Bildern und Geschichten von diesen und anderen Müttern gibt es als Buch (Fotografin: Jade Beall, Green Writers Press, ca. 53 Euro) und online: abeautifulbodyproject.org

Die dreifache Mutter Andrea Jansen (37) kennt das. „Ja, manchmal stört mich mein Körper. Aber oft stört mich noch mehr, dass er mich stört. Nach all dem, was er für mich getan hat“, schreibt sie auf ihrem Blog. Und weiter: „Die Mutterschaft prägt jede Frau wie nichts zuvor. Meine Kaiserschnittnarbe erinnert mich an die Momente, die mich zum jetzigen Menschen gemacht haben. Wieso hänge auch ich immer noch einem Körperideal nach, das das Wichtigste in meinem Leben komplett verleugnet? Warum feiern wir den schwangeren Körper zehn Monate lang und lassen ihn danach fallen, finden ihn hässlich, schämen uns für ihn? Ich möchte mich einfach wieder wohlfühlen können, fitter werden, aber die Veränderungen annehmen, ohne sie negativ zu besetzen. Ich möchte ein neues Ideal. Eines, das erreichbar ist. Eines, das zufrieden macht und mich nicht ablenkt von dem, was wirklich zählt.“

True. Love. Stories

Bilder, die das Leben zeigen, Geschichten, die wachrütteln und Frauen, die Mut machen.

„So lange ich zurückdenken kann, spürte ich ein erdrückendes Gefühl von Unzulänglichkeit. Ich war nie übergewichtig, aber ich hatte große Ängste. Der einzige Weg, sie im Griff zu behalten, bestand darin, mich mit meinen Mängeln zu beschäftigen. Erst jetzt begreife ich, dass ich mich bei niemandem für meinen Körper entschuldigen muss. Ich bin genug.“

Leslie hat vier Jungs geboren und sich in der letzten Schwangerschaft mit Achtsamkeitstraining beschäftigt. In dieser Zeit sah sie Jade Bealls Bilder zum ersten Mal. Als sie vor die Kamera trat, musste sie sich nicht verstellen. Sie fühlte sich endlich entspannt, friedlich und voller Liebe für ihr Baby.

„Wenn ich meine Fotos sehe, zucke ich mit den Schultern. Mir macht es nichts aus, wie mein Körper aussieht. Das bin ich. Muttersein ist viel Arbeit und es gibt so viel mehr, mit dem ich mich beschäftige. Ich will mir keine Sekunde mehr Sorgen darüber machen, wie andere meinen Hintern im Bikini beurteilen.“

Christine ist von der Ankunft ihres dritten Babys so in Beschlag genommen, dass sie sich keine Gedanken darüber macht, wie ihr Körper aussieht. Sich mit den eigenen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen, findet sie schlichtweg langweilig.

„Schwangerschaftsstreifen sind ein wunderschönes Zeichen des Wachstums. Aber der Begriff ist total unpassend. ‚Liebeslinien’, ‚Zeitstrahl bis zur Entbindung‘ oder ‚Babybänder‘ – etwas, das verdeutlicht, wie sich eine Mutter und ihr Körper auf die Geburt eines neuen Lebens vorbereiten, wäre wünschenswert.“

Cherie hatte Sorgen, dass die Streifen an ihrem Bauch ihren Mann Isaac abstoßen. Das Gegenteil war der Fall: sie haben ihn vom ersten Moment an fasziniert. Nur mit dem Begriff selbst kann er nicht viel anfangen, wie er oben erzählt.

„Nach der Schwangerschaft stellte ich mir einen anderen Körper vor, weil ich meinen eigenen ablehnte. Inzwischen liebe ich jeden einzelnen Schwangerschaftsstreifen und die Weichheit meines Bauchs, die mich an meine Reise in die Mutterschaft erinnert. Ich bin demütig und so unendlich dankbar.“

Anna hat während der Schwangerschaft 25 Kilo zugenommen und gedacht, dass sie das Gewicht schnell wieder loswerden würde. Doch der „Babybauch“ blieb. Was sich aber änderte, war ihre Einstellung zu diesem „neuen“ Körper, den sie erst deutlich ablehnte. 

 

Foto: Jade Beall Photography; Taryn Brumfitt/Majestic 

Interview mit Autorin Tayrin Brumfitt

sagt die Australierin und Gründerin des „Body Image Movements“ Tayrin Brumfitt. Mit ihrem Film „Embrace“ hat sie eine weltweite Diskussion über das Körpergefühl von Frauen und Müttern ausgelöst.

Nele Bruns ist Chefredakteurin des babywelt-Elternmagazins. Ihre Töchter Leni (6) und Emma (3) liefern ihr täglich die besten Inspirationen für neue Geschichten aus dem Familienleben. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dabei ein ständiger Begleiter.